Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
10.2017




St. Gallen : Arznei für die Seele


von: Thomas Schlup

  
links: Predigten von Caesarius von Arles und Soliloquia von Isidor von Sevilla sowie Reste eines Palimpsests mit den Weisheitsbüchern des Alten Testaments, die vielleicht älteste erhaltene Handschrift des St. Galler Skriptoriums, um 750, St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. Sang. 194, Pergament, 18x12 cm
rechts: Barocksaal der Stiftsbibliothek St.Gallen


Warum sind gedruckte Bücher besser als elektronische Geräte? Sie lassen sich glossieren, nicht bloss mit Post-it-Zetteln bepappen. Mit ‹Glossen› waren früher Anmerkungen in Büchern gemeint, und ein Ekkehart IV. († um 1060) tat dies mit Gusto. Als Beispiel dazu ist der ‹Oranius Codex› - datiert vor 883 - in der Ausstellung im Barocksaal der Stiftsbibliothek zu sehen. Hier wird die spannende Geschichte dieser Institution von den Anfängen in verschiedenen Räumen der Abtei bis zur heutigen öffentlichen und modernen Fachbibliothek für Mediävistik und Handschriftenkunde zumindest in Auszügen sichtbar gemacht. Schon Abt Kolumban hielt die Mönche zum täglichen Lesen an, das so nötig sei «wie das tägliche Essen». Aus dem 9. Jahrhundert stammt der älteste Bibliothekskatalog der Schweiz mit 294 Einträgen zu 426 Bänden. Nach der Blüte im frühen Mittelalter und dem darauf folgenden Niedergang entdeckten im 15. Jahrhundert die Humanisten die Schätze der Bibliothek. Auch der St. Galler Bürgermeister und Reformator Joachim Watt († 1551) war fleissiger Gast. Die Stiftsbibliothek - nicht zu verwechseln mit dem Stiftsarchiv - besitzt eine der wichtigsten geschlossenen Handschriftensammlungen des Abendlands mit einem Kern von über 1000 Büchern aus dem 8.-16. Jahrhundert. Der Bestand umfasst heute über 170'000 bibliografische Einheiten und wird kontinuierlich erweitert. 2015 besuchten fast 114'000 Personen den Barocksaal, was ihn zum meistfrequentierten Museum der Ostschweiz macht. Politische Klippen konnten, zumindest was den Bücherbestand betraf, recht gut umschifft werden. Ein ausgestellter Katalog aus der napoleonischen Zeit weist zwar 6000 Bände aus, die wirklich wertvollen Handschriften waren aber vorher schon in Sicherheit gebracht worden und sind auch nicht notiert. 1805 wurde das Galluskloster aufgehoben, die Bibliothek blieb aber am gleichen Ort. Ihre Trägerschaft bildet seither der öffentlich-rechtliche ‹Katholische Konfessionsteil des Kantons St. Gallen›. Handschrift heisst auch von Hand umblättern, nicht einfach mit einem Finger über einen Bildschirm wischen. Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt und einen anderen Rhythmus. Dazu lässt sich herrlich herumschleifen in den Filzpantoffeln, die zum Schutz des Bodens im Barocksaal über die Schuhe gezogen werden.

Bis: 12.11.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Arznei für die Seele [14.03.17-12.11.17]
Institutionen Stiftsbibliothek [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Thomas Schlup
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170924215555AA8-48
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.