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Editorial
11.2017




Editorial - Mondgänse und Kopernikus


  
TITELBILD · Agnes Meyer-Brandis · Space Suit Testing, Astronaut Training Method No. XIII, aus: Moon Goose Colony, Videostill © ProLitteris


Welch unerschrockener Blick! Die uns musternden Gänse fürchten sich offenbar weder vor dem Fotografen noch der Astronautin, noch vor baumelnden Seilen. Doch so vertraut das Zusammentreffen für sie zu sein scheint, so merkwürdig wirkt es auf Aussenstehende. Was soll der Schutzanzug? Was läuft hier?
Offenbar kennen die Gänse ihre Rolle, sie sind auf Menschen konditioniert. In welcher Weise, wird deutlich, wenn wir uns die ­Videos von Agnes Meyer-Brandis ansehen. Wir erfahren dabei ­einiges über Gänsezucht, Verhaltensforschung und über ‹The Man in the Moon›. Das Buch wurde von Francis Godwin, einem englischen Bischof, Historiker und Science-Fiction-Pionier, verfasst und 1638, fünf Jahre nach seinem Tod, unter dem Pseudonym «Domingo Gonsales, the Speedy Messenger» publiziert. Der Ich-Erzähler schildert, wie er auf St. Helena strandet, dort eine Schar Wildgänse in einen selbstgebauten Flugapparat spannt, sich später von diesen auf den Mond fliegen und - nach sechs Monaten in paradiesischen Gefilden - wieder auf die Erde zurückbringen lässt.
Mindestens so abenteuerlich wie diese Geschichte sind die darin eingeflochtenen wissenschaftlichen Verweise. Sie führen zu ­Kopernikus, der bekanntlich 1543 dargelegt hatte, dass sich die Erde um sich selbst und um die Sonne dreht. Damit ist er auf Hohn und Spott gestossen, denn - so die damalige Begründung - wenn sich die Welt drehen würde, wäre hienieden ein steter Luftzug zu spüren. Seinem Nachfolger Galileo Galilei ging es bekanntlich nicht besser, er verbrachte seine letzten Lebensjahre unter Hausarrest.
Nun sind wir schon weit weg von den Gänsen und doch mitten in den Fragen - Fragen nach der Verbindung von Fiktion und Wissenschaft oder der Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse für das Leben auf unserem Planeten. Claudia Jolles



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Ausgabe 11  2017
Autor/in Claudia Jolles
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