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Fokus
11.2017


 Gehen und stehen, reisen und bleiben - Kimsooja bewegt sich mit ihren Arbeiten zwischen beiden Polen. In ihrer Performance ‹A Needle Woman› verbindet die Künstlerin Unterwegssein und Innehalten auf bahnbrechende Weise. Die Videoinstallation wird immer wieder in Bezug auf die globalen Migrationsbewegungen und politischen Konflikte gedeutet und ist zugleich eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem künstlerischen Zugang zur Welt. Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt die Installation und weitere Arbeiten Kimsoojas in einer umfassenden Einzelschau.


Kimsooja - Nähen und knoten


von: Kristin Schmidt

  
links: A Laundry Woman, 2000, und Bottari, 2017, Installationsansicht Kunstmuseum Liechtenstein. Foto: Aaron Wax
rechts: Thread Routes, oben: Chapter I (Peru), 2010, Filmstills


Aufrecht steht sie da, in unauffälligem, grauem Gewand, unergründlich ihre Gefühlsregungen, nur ihre Rückseite ist zu sehen. Eine Frau inmitten eines Stroms. Unaufhörlich kommen ihr Menschen entgegen, gehen an ihr vorbei, gehen weiter. Schnell schliesst sich der Strom hinter der Frau, verschluckt sie mitunter, bis sie wieder zu sehen ist - eine kleine stille Insel. Kimsooja selbst steht in der Menschenmenge. Die in New York lebende Südkoreanerin hatte 1999 eine Gehperformance geplant und war auf der Suche nach einem geeigneten Ort in Tokio, als sich plötzlich im Stadtteil Shibuya ein transitorischer Moment ereignete: «Plötzlich stand ich inmitten von hunderten, tausenden Menschen. Ich war überwältigt, ich schrie innerlich auf, musste stillstehen und fühlte mich sehr verletzlich, zugleich umgab mich die Energie dieser Menschen. Ich spürte Menschlichkeit, Mitgefühl und Frieden. Es war eine erleuchtende Erfahrung.»
Die Künstlerin, die ihren Vor- und Familiennamen seit 2004 zusammenschreibt, verknüpfte dieses einschneidende Erlebnis mit ihrer bisherigen Arbeit. Sie hatte als Malerin begonnen und war bald auf die Frage gestossen, wie sich die flache Leinwand mit dem Raum verbinden lasse: «Ich suchte nach einer neuen Methode der Malerei. Wie konnte ich Natur, Sprache, Architektur, Horizontalität und Vertikalität verbinden?» Die Nadel schliesslich erwies sich als das geeignete Instrument. Dank ihr lassen sich Flächen durchstechen und somit Vorder- und Hintergrund durch das Textil hindurch miteinander verbinden und in einer weiteren Steigerung zu dreidimensionalen Gebilden fügen.

Die symbolische Nadel

Die Nadel ist nicht nur Werkzeug, sie ist auch Symbol. Sie durchsticht die Fläche, aber sie nimmt auch den Faden auf. Sie ist Körper und Gefäss. Sie trennt und verbindet. Sie wird zur Metapher für den Körper der Künstlerin, der ‹Needle Woman›: «Ich setzte meinen Körper als symbolische Nadel ein. Er verband Raum und Zeit. Ich selber musste nichts tun und verkehrte damit die Idee der aktiven Performance in ihr Gegenteil.» Stillstehend, auf den eigenen Körper konzentriert stellt sie sich den Passantinnen und Passanten entgegen. Sie ist Mensch unter Menschen, verbindet als Nadel die Individuen über alle kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen und Geschlechtsunterschiede hinweg.
Kimsooja hatte eine erste Version von ‹A Needle Woman› in Tokio, Schanghai, Delhi und New York aufgenommen. Diese wird derzeit in einer Sammlungspräsentation mit Performancekunst im Kunstmuseum Bern gezeigt. Das Kunstmuseum Liechtenstein präsentiert eine achtteilige Version, die zusätzlich in Mexiko-Stadt, London, Kairo und Lagos entstand. Die Performances werden jeweils synchron und in Lebensgrösse abgespielt. Auf eine Bank wird im Ausstellungsraum bewusst verzichtet, um einerseits das eigene Stehen mit demjenigen der Künstlerin in Beziehung zu setzen und andererseits die gehende Bewegung von Projektion zu Projektion zu ermöglichen. Erst durch den gleichzeitigen und vergleichenden Blick verschmelzen die Metropolen miteinander und fügen sich zu einem Bild von der Welt, einem positiven Bild.
Vermeidet Kimsooja es, Konflikte zu zeigen? Ihre Arbeiten sind schön, sind poetisch. Sie kommen in berauschenden Farben daher und sind von einer ausgewogenen Ruhe und Ästhetik getragen. Dennoch thematisieren sie die Krisen ganz direkt. So führte die Künstlerin ihre Performance ‹A Needle Woman› in einem späteren Schritt auch in Städten auf, die von Armut, Gewalt und politischen Konflikten beherrscht werden; sie widmete Arbeiten den Opfern des Massakers 1980 in Gwangju oder den Flüchtlingen des Kriegs im Kosovo. Zwar ist das Leiden selbst in ihren Arbeiten nicht abgebildet, aber es ist ihnen eingeschrieben und wird transformiert: «Ich will eine positive Aussage treffen und das Bewusstsein schärfen für eine bessere, gewaltlose, harmonische Welt. Das kann ich durch die Kunst.» Davon zeugt beispielhaft ‹Lotus: Zone of Zero›. Die Installation wurde erstmals 2003 in New York gezeigt und entstand als Reaktion auf den Irakkrieg. Der Werktitel bezieht sich auf die militärische Terminologie, in der Ground Zero das Detonationszentrum einer Nuklearbombe bezeichnet; inzwischen steht er auch für den zentralen Ort des Terroranschlags am 11. September 2001 in New York.

Für ein Miteinander in der Welt

Kimsooja übersetzt die ringförmigen Druck- und Strahlungswellen in eine grossräumige Installation aus konzentrisch angeordneten textilen Lotusblüten. Sie ist an die Deckenfläche des nahezu quadratischen Ausstellungsraums im Kunstmuseum Liechtenstein angepasst und füllt den Raum auch akustisch. Gesänge aus christlichen, muslimischen und buddhistischen Liturgien erklingen: «Ich arbeite stets orts- und architekturbezogen und antworte auf den Raum. In dieser Arbeit bezieht sich der Kreis aus Blüten auf die Ganzheit und Gemeinschaft von Individuen. Der Lotus steht für Schöpferkraft und Erleuchtung, die tibetischen, gregorianischen und islamischen Gesänge für das Miteinander in der Welt.» Gleichwohl befindet sich die Arbeit in fragiler Balance: Die Radialsymmetrie der Blütenkugeln ist ebenso harmonisch wie ihre schwebende Vielzahl bedrohlich. Das Pink betört, wirkt aber auch schrill und unterschwellig aggressiv. Dualität zeichnet auch die Werke ‹A Laundry Woman› und ‹Bottari› aus. Im Kunstmuseum Liechtenstein sind beide Installationen sinnfällig miteinander kombiniert. Über gespannten Schnüren hängen die traditionellen koreanischen Betttücher, in leuchtenden Farben, reich ornamentiert, durch Ventilatoren sanft in Bewegung versetzt. Darunter befinden sich ebenfalls Betttücher, aber prall gefüllt, sorgfältig zu Bündeln verknotet. Kimsooja verwendet die Betttücher sowohl in ihrer formalen als auch ihrer metaphorischen Qualität: «Unverknotet sind die Betttücher die Leinwand des Lebens. Sie werden Jungvermählten geschenkt und sind mit guten Wünschen verbunden. Die eingewebten Symbole beziehen sich auf das Glück des Paares, der Familie, der Kinder. Mit gebrauchten Kleidern gefüllt und verknotet werden die Laken zur Skulptur und stehen in gegensätzlichem Kontext: Sie verweisen auf Flucht, Exil und Entwurzelung.» Auch die aufgehängten Betttücher sind bereits benutzt worden. Die dadurch eingeschriebenen Geschichten bleiben verborgen und sind dennoch präsent, da das Laken als universaler Alltagsgegenstand nahezu auf der ganzen Welt die gleiche körpernahe, intime Nutzung erfährt.

Der Knoten zur Dreidimensionalität

Kimsoojas Arbeiten kreisen stets ums Textile. Das gilt auch für ihren jüngsten Werkzyklus ‹Thread Routes›. Das Kunstmuseum zeigt die Kapitel I (Peru), II (Europa) und IV (China) sowie ‹Thread Routes - Chapter II, Site II›. Bei letztgenanntem Kapitel handelt es sich um eine Spiegelinstallation, in der die Spiegelbilder mit den Augen verwoben werden können, da sich die reflektierenden Flächen gegenseitig spiegeln. Die drei Kapitel der Filminstallation zeigen Menschen bei der Textilherstellung, jedoch nicht in der Massenproduktion, sondern bei ihrem traditionellen Handwerk. Verflochten sind die Aufnahmen mit Bildern von Landschaften, architektonischen Strukturen und Ornamenten. Zeitgleich werden die schwarzweissen Lichtwellen der drei Filmkapitel gezeigt. Beide, die Lichtwellen wie die Filmaufnahmen, werden synchron auf je einen dreiseitigen Korpus projiziert. So entfalten sowohl die gegenständlichen Bilder der Filmaufnahmen wie auch ihre abstrakten Lichtwellenintervalle eine plastische Wirkung: Kimsooja hat ihrer Suche nach der räumlichen Dimension des Bildes ein weiteres Kapitel hinzugeschrieben.
Alle Zitate: Gespräch der Künstlerin und der Autorin am 21.9.2017 in Vaduz.
Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen, post@kristinschmidt.de


Bis: 21.01.2018


Kimsooja (*1957, Daegu, Korea) lebt in New York and Seoul

2014 Artist in residence at Cornell University, Ithaca, NY
2008 Artist in residence at Musée d'art contemporain du Val-de-Marne, Vitry-sur-Seine, Frankreich
1998-1999 Artist in residence for the World Views Program at the World Trade Center, New York
1992-1993 Artist in Residence at MoMA P.S.1 Contemporary Art Center, New York
1984 Master of Fine Arts, Painting Dept., Hong-IK University, Seoul, Korea

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 Centre Pompidou Metz, Metz, Frankreich
2013 The Korean Pavilion, 55th Biennale di Venezia, Venedig
2012 Miami Art Museum, Miami, FL
2010 The National Museum of Contemporary Art, Korea
2009 Baltic Center for Contemporary Art, Gateshead, UK
2008 Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C.
2006 Magasin 3, Stockholm
2005 The National Museum of Contemporary Art, Athen



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Kimsooja [22.09.17-21.01.18]
Institutionen Kunstmuseum Liechtenstein [Vaduz/Liechtenstein]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Kimsooja
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