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Fokus
11.2017


 Vittorio Santoro ist für den Prix Marcel Duchamp nominiert. Eine berechtigte Auszeichnung für den in Paris lebenden Künstler. Aber was ist es, was sein Werk so anders, so anziehend macht? Sicherlich seine Art, sich an die Kunstgeschichte anzulehnen und sie mit der Gegenwartsmatrix zu verbinden - wobei die Arbeit ein Ruckeln in der Wahrnehmung erzeugt.


Vittorio Santoro - Das On im Kopf auf Off schalten


von: Stefan Wagner

  
links: Le silence détruit les conséquences, 2017. Foto: Marco Blessano
rechts: Une porte doit être ouverte ou non fermée (Fenêtre), 2017, Holz, Stahl, Wand (Fenster ca. 139x84 cm), Courtesy GalerieThomas Bernard-Cortex Athletico,Paris, Counter Space, Zürich. Foto: Marco Blessano


Es gibt beim Menschen diesen Hang zum Einen: Gleiches zu Gleichem. Warum auch nachdenken und trennen, wenn das Energie kostet? Der Energiesparmodus des Hirns ist immer auf On. Und so ist es wenig überraschend, dass man in der westlichen Konsumwelt von immer mehr Dingen umzingelt wird, die einander verblüffend ähnlich sehen. An jedem Kühlregal lässt sich dies mittels des Joghurtbechervergleichs verifizieren, oder man schaut bei der Ausfahrt aus dem Parkhaus die langen Autoreihen an. Das Joghurt-Automodell-Dilemma gilt für fast alle industriell produzierten Güter, aber sicherlich auch für die Kunst. Widererkennbarkeit zu schaffen und jegliches Ruckeln in der Alltagswahrnehmung schon im Voraus auszuschalten, ist die Strategie der Corporate Identity. Jeff Koons kann das. Exotismus ist zwar für bestimmte Kaufkraftgruppen relevant, doch auch der Warenexotismus ist nur dann gut, wenn er auf einer Vergleichbarkeit basiert. Wir leben im Zeitalter der Vergleichbarkeit und man sollte darüber mehr nachdenken.

Vergleiche mit dem Vergangenen
Vittorio Santoro tut dies, und er spielt dieses Spiel gut. Seine Werke erzeugen dieses unangenehme Ruckeln in der Wahrnehmung, weil seine Arbeiten immer einem Kunstkanon ähnlich scheinen und sich doch abseitig verhalten. Ein Beispiel hierfür. ‹Le silence détruit les conséquences›, 2017, ist ein Spruch, der auf einer Fahne steht, die in Paris an der Avenue Franco-Russe 17 am Balkongeländer hängt und zur aktuellen Ausstellung Vittorio Santoros im Centre Pompidou gehört. Es ist ein Denkspruch, den man auf den ersten Blick auch für einen Vertreter der historischen Konzeptkunst halten könnte. Der Spruch mag Sinn entfalten, logisch oder eindeutig ist er aber nicht. Das Verhältnis von Stille und Konsequenz gekoppelt mit dem Verb «détruire» ergibt gleich mehrere Möglichkeiten der Interpretation: vernichten, zerstören oder zersetzen. Das könnte auch politisch gemünzt werden: Wer schweigt, entzieht sich seiner Verantwortung? In der historischen Konzeptkunst hätte man solche versteckten Aussagen vergebens gesucht, denn in dieser Zeit reinigte man sich gerade von der klassischen Moderne und ihrem Bedeutungszwang.
Der Grund für die Beflaggung von neun Orten in Paris ist die Nominierung Vittorio Santoros für den renommierten Marcel-Duchamp-Preis, der mit einer Ausstellung im Centre Pompidou verbunden ist. Es mag ein Zufall sein, aber die Werke Santoros haben einen starken Bezug zu Duchamp, nicht nur weil er der Wegbereiter der Konzeptkunst war. So heisst eines von Santoros Werken ‹«Avant» se trouve après «après»›, 2016, eine Anspielung auf das sich stets wiederholende Spiel, Kunstrichtungen mit dem Etikett «Avantgarde» zu beflaggen, um sie originärer zu machen. Das Werk zeigt ein an der Wand befestigtes Schachbrett, das auf der anderen Seite mit einem Spiegel versehen ist. Im Innenraum der Schachbrettbox befinden sich eine Sphinx und ­eine Eule. Bekanntlich spielte Duchamp leidenschaftlich Schach. Ein wenig rätselhaft ist das alles, vielleicht sah die Sphinx auch die Nominierung für den Duchamp-Preis voraus, als Santoro sie da hineinsteckte.

Die Verweigerung des Blicks

Wie immer man der Magie im Alltag gesinnt sein mag, bei Santoro lassen sich auch Abstiege ins Unbewusste finden. ‹Mirror of the Sea (African Mask (Dogon)/Fi: Black Paint Can), I›, 2016, beschreibt er als Werk, das einen Bezug zu Man Ray hat. Nur ist die Perspektive auf die Kolonien Frankreichs heute eine andere. Santoro verweigert dem Publikum den Blick auf die Skulptur, die - versteckt hinter Papier - mit Stricken gut verschnürt ist. Sie verkörpert ein Erbe, das es immer wieder zu befragen gilt, gerade in heutigen Zeiten, in denen der Kolonialismus in anderen Kleidern daherkommt. Heute sind es Investitionen, die letztendlich die gleichen Abhängigkeitsmuster hervorbringen wie vor hundert Jahren, nur lassen sich diese neuen nicht mehr in Aufständen abschütteln. Denn sie wurden unter dem Primat eines kommenden Wohlstands geschlossen - ein Versprechen, das letztlich aber nur wieder eine finanzielle Abhängigkeit bedeutet.
Vielleicht ist das auch einem Misstrauen geschuldet, das in Santoros Werken deutlich wird. Texte spielen eine eher untergeordnete Rolle. ‹Language will never ­quite connect you to the world›, 2016, steht auf einer der Flaggen in Paris. Hier spricht sich ein Zweifel an der Schriftlichkeit aus, wie man ihn auch in der Philosophie Villem Flussers findet, der dem Symbol eine vermittelnde Bedeutung zwischen Mensch und Welt einräumt. Symbole sind nicht eindeutig oder reduzierend, sondern dialektisch, sie vermögen den Menschen mit der Welt zu vereinen, die ihn umgibt und die er stets verstehen will, ohne sie abzubilden. Flusser nimmt hier eine antiplatonische Haltung ein, denn Plato misstraute dem Bild als Quelle der Erkenntnis. Dass Santoro sich wohl immer wieder in einer Welt vorfindet, die ihm zu denken gibt, was wiederum auch eine anthropologische Konstante ist, erkennt man in ‹Searching For... (One Day and Night in Amsterdam)›, 2012. Einen Tag lang streifte der Künstler durch Amsterdam mit einer Taschenlampe als Erkenntnismarker, um eine Arbeit Bas Jan Aders nachzustellen, ohne aber eine Antwort zu finden. Das wiederum ist eine Aporie, die den Weg zum Ziel der Erkenntnis erhebt und nicht eine abschliessende Antwort.

Ein Fenster als Schafott oder ein Schafott als Fenster
In Santoros Arbeit ist durch die vielen Vergleiche mit anderen künstlerischen ­Positionen eine sehr vieldeutige Sprache entstanden, die sich nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. Wiedererkennbarkeit als ein zentrales Merkmal, eine Handschrift, gilt im Kunstgeschäft als probates Mittel, um erfolgreich zu sein. Sie treibt die Aufmerksamkeitskarusselle des Kunstbetriebs an. Positionen wie diejenigen von Santoro, die nicht diesem Stilcredo folgen, müssen stets um Anerkennung kämpfen. Vielleicht hat der Künstler deshalb für seine Ausstellung ‹Aujourd'hui je n'ai rien fait pour éviter l'inévitable› ein Fallbeil in einer Fensteröffnung montiert, durch die man seinen Kopf strecken kann, um dem Unvermeidlichen entgegenzublicken - und sei das die tatsächliche Gefahr, seinen Kopf zu verlieren. Oder handelt es sich bei ‹Une porte doit être ouverte ou non fermée (Fenêtre)›, 2017, - mehr mit Flusser gedacht - um ein Symbol, das dialektisch die durch Reflexionen aufgerissene Kluft zwischen Mensch und Welt überbrückt und die Wechselhaftigkeit der Betrachterperspektive offenbart, ohne jedoch die Wirklichkeit abzubilden? Die Off-Taste im Kopf sollte beim Besuch von Vittorio Santoros Ausstellung im Centre Pompidou stets gedrückt bleiben.
Stefan Wagner ist freischaffender Kunsthistoriker, stefan.h.wagner@gmx.ch


Bis: 08.01.2018


Vittorio Santoro (*1962, Zürich) lebt in Paris und Zürich

Einzelausstellungen
2017 Centre Pompidou, Paris; Four Speakers' Corner, I, Independent Art Space Last Tango, Zürich
2016 Galerie Thomas Bernard-Cortex Athletico, Paris; Counter Space, Zürich
2015 MoCA Pavilion, Shanghai; Peter Bichsel Fine Books, Zürich; Oonagh Young Gallery, Dublin
2014 Galerie Jérôme Poggi, Paris; Counter Space, Zürich
2013 Paillard Centre d'art contemporain, Poncé-sur-le-Loire; Fondazione Musica Roma
2012 Centre Pompidou, Paris ; Galerie Jérôme Poggi, Paris; Oonagh Young Gallery, Dublin; Fondation d'Entreprise Ricard, Paris



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Nominés du Prix Marcel Duchamp [27.09.17-08.01.18]
Institutionen Centre Pompidou [Paris/Frankreich]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Vittorio Santoro
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