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Fokus
11.2017


 ‹a good neighbour›, so der mehrdeutige Titel der 15. Biennale in Istanbul, stellt im angespannten politischen Klima der Türkei Fragen zu Nachbarschaften. Das dänisch-norwegische Künstler- und Kuratorenduo Elmgreen & Dragset setzt überzeugend auf die Wirkkraft von persönlichen Erzählungen.


Elmgreen & Dragset - a good neighbour: Kuratorengespräch


von: Peter Stohler

  
Michael Elmgren & Ingar Dragset ©ProLitteris. Foto: Elmar Vestner


Peter Stohler: Aus einer Umfrage von 2009 geht hervor, wen die türkische Bevölkerung nicht als Nachbarn will: Homosexuelle, Alkoholiker, Amerikaner, Christen und Juden - in dieser Reihenfolge. Wie steht ihr dazu als Kuratoren der diesjährigen Biennale, die den Titel ‹a good neighbour› trägt?

Michael Elmgreen:
Diese Umfrage ist recht einseitig. Natürlich gibt es Vorurteile, andererseits darf man den grossen Unterschied zwischen Stadt und Land nicht vergessen. Würde man diese Umfrage in ländlichen Gebieten Deutschlands oder der Schweiz durchführen, wäre das Ergebnis wohl ähnlich.

Stohler:
Im Frühjahr 2016 hattet ihr nur zwei Wochen, um zu entscheiden, ob ihr die Biennale kuratieren wollt, und entsprechend wenig Zeit für einen Titel. Wie kam es zu ‹a good neighbour›?

Ingar Dragset: Fragen zu Nachbarschaft und Häuslichkeit haben uns als Künstler schon immer interessiert.

Elmgreen:
Es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Lebensweisen in Istanbul neben­einander existieren. Die soziale Mobilität hat stark zugenommen. Frauen arbeiten immer öfter, gleichzeitig werden sie von der Regierung zu einer traditionellen Lebensweise angehalten. Diese unglaubliche Vielfalt wollten wir aufzeigen.

Stohler:
Mit dem Putschversuch im Sommer 2016 wurde das Thema plötzlich sehr politisch. Habt ihr jemals daran gedacht, es zu ändern?

Elmgreen: Nein, auch nach dem Putschversuch wollten wir am Konzept festhalten.

Stohler:
Von der Auswahl der Künstler/innen her scheint eure Biennale viel persönlicher zu sein als frühere Biennalen.

Dragset: Wir wollten uns auf Identitäten konzentrieren, auf ganz persönliche Geschichten, und - wie damals die Feminist/innen - das Persönliche als politisch ansehen. Persönliche Geschichten interagieren ja mit den grossen politischen Themen.

Stohler:
Die Biennale wird von der privaten Stiftung Istanbul Foundation for Culture and Arts (IKSV) organisiert. War es ein Problem, dass ihr homosexuell seid?

Elmgreen: Das war ihnen bekannt. Die IKSV ist ein Teil der liberalen Gesellschaft, zudem hatten wir schon dreimal an der Biennale teilgenommen. 2013 hatten wir ­eine Arbeit mit fünf Tagebuch schreibenden Männern gezeigt, einer davon war in der LGBT-Szene aktiv. Man wusste also über unseren Hintergrund Bescheid.

Stohler: Ihr habt viele türkische Künstler/innen in der Ausstellung, die meisten sind jung und mir unbekannt. Ist das ein Statement?

Dragset: Stimmt, ungefähr ein Fünftel kommt aus der Türkei.

Elmgreen: Den jungen türkischen Künstler/innen heutzutage fehlt der Austausch mit dem Ausland, weil viele Leute nicht mehr in die Türkei kommen. Die Biennale ist eine Plattform für diese sehr talentierten Kunstschaffenden.

Stohler: Ihr konzentriert euch aber nicht nur auf junge Positionen. Ihr zeigt auch ein grossartiges Werk der 82-jährigen Candeğer Furtun aus den Neunzigerjahren.

Dragset: Wir wollten einen Dialog zwischen den Generationen schaffen und zeigen, dass keine Arbeit aus dem Nichts entsteht.

Stohler: An der diesjährigen documenta gab es die riesige Installation ‹Parthenon der Bücher› zu sehen. Hattet ihr Angst vor einem so sichtbaren Projekt im öffentlichen Raum für die Biennale?

Elmgreen: Nein, aber unser Budget betrug nicht einmal 10% von dem der documenta.

Dragset: Im öffentlichen Raum um die Veranstaltungsorte gibt es zudem die subtile Arbeit von Burçak Bingöl - etwa zwanzig Überwachungskameras aus Keramik.

Stohler: Wie ist es, gleichzeitig Kurator und Künstler zu sein?

Dragset:
Kuratieren war schon lange ein Teil unserer künstlerischen Praxis, etwa mit ‹The Collectors› an der Biennale Venedig 2009, zu der wir 23 Künstler/innen einluden.

Stohler: Wann gibt es eure nächste Biennale?

Elmgreen: Die Istanbul Biennale war eine unglaubliche Erfahrung. Aber wir werden keine weitere Biennale mehr kuratieren.

Michael Elmgren (*1962, Kopenhagen) & Ingar Dragset (*1969, Trondheim), Künstlerduo seit 1995, leben in Berlin. Das Interview fand am 15.9. 2017 im Soho House Hotel in Istanbul statt.
Peter Stohler (*1967), Kunstwissenschaftler, Kurator, Direktor Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona, lebt in Zürich und Jongny VD. stohler.peter@gmail.com


Bis: 12.11.2017


mit Katalog



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Ausgabe 11  2017
Autor/in Peter Stohler
Künstler/in Elmgreen & Dragset
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