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Besprechung
11.2017


Isabel Zürcher :  Es gibt eine Ausstellung im Bündner Kunstmuseum und es gibt ein neues Buch dazu. Zusammen stellen sie Not Vital als einen Kosmopoliten vor, der sein Zuhause auch in China und auch in Kairo wiederfindet. Sein Werk ist durchdrungen von Leben, Gedächtnis und Handwerkskunst.


Chur : Not Vital - Hermetischer Eigensinn


  
Not Vital · 700 Snowballs, 2015, Courtesy Galerie Andrea Caratsch


Hell ist der Rückblick auf Not Vitals (*1948, Sent) Schaffen, und im Nachbild macht es staunen wie der Blick auf ein Bild aus der Frühzeit der Fotografie: Alles, was das Bündner Kunstmuseum geborgen hat aus über fünfzig Jahren umtriebiger Produktivität, ist ganz real -, und doch wundert man sich, es genau so zu sehen: unverdächtig in seiner Beschaffenheit, eins zu eins in seinen Dimensionen, geradezu offenherzig in Bezug auf die Herkunft von Motiven und Materialien. Doch während man noch meint, vertraut zu sein mit der Verschwiegenheit seiner Plastiken, Installationen, Bilder und Objekte, ist ihre Stille im Weiss und Grau des Churer Neubaus zu einem leisen, aber hartnäckigen Befremden orchestriert.
Stephan Kunz und Co-Kurator Lynn Kost sind nicht der Verführung erlegen, in der seit einigen Jahren geplanten Rückschau den «ganzen» Not Vital zu zeigen. Auch verzichten sie darauf, mit prominenten Werken seine internationale Erfolgsgeschichte aufzurufen. Not Vitals Entwicklung entlang einer chronologischen Logik weicht in Chur einer präzis dosierten Werkauswahl. Diese legt Gesetzmässigkeiten skulpturalen Handelns frei, wie sie Not Vital seit den Sechzigerjahren umtreiben: Standort und Anlehnung, Gleichgewicht, das Artefakt als Speicher und Multiplikator für Erinnerung und Projektionen. Mächtig lehnt eine grosse, schwarze Tatze aus Bronze an der Wand, verspielt gleitet der Blick über ein Feld von in Glas gefassten ‹Schneebällen›. Versatzstücke aus dem Repertoire von Jagdtrophäen wie aus dem Organismus von Haus und Hof zitieren eine in der Bündner Landschaft verwurzelte Gegenständlichkeit. Was im archaischen Zeichen - darunter Kopf, Tier oder Berg - gegen äussere Einflüsse immun erscheint, ist in Tat und Wahrheit durchdrungen von Leben, Gedächtnis und Handwerkskunst, die sich Not Vital weitab von Sent oder Tarasp zu eigen macht. ‹univers privat› ist darum der treffsichere Titel der Ausstellung wie des Begleitbuchs: Das Rätoromanische hält Persönliches und Universelles zusammen. Und greift dabei selbstverständlich nach der weiten Welt, die Not Vital schon 1970 gehörte, als er das schweizerisch-italienisch-österreichische Dreiländereck mit dem schwedischen ‹Treriksröset› versah. Not Vital rührt in Peking, Kairo oder Pennsylvania an die rohe Kraft der Arte Povera und entdeckt in den Dingen eine surreale Körperlichkeit. Und während die Schau in fotografisch festgehaltenen Experimenten ihren Anfang nimmt, bleibt sie auch offen auf die Zukunft hin. Und auf ein Machen, das bereit ist, das Eigene im Fremden anzusiedeln.

Bis: 19.11.2017



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Not Vital [09.09.17-19.11.17]
Institutionen Bündner Kunstmuseum [Chur/Schweiz]
Autor/in Isabel Zürcher
Künstler/in Not Vital
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