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Besprechung
11.2017


Astrid Näff :  Letztmals vor einer bis 2019 dauernden Umzugspause lädt das Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne zum Rundgang durch seine angestammten Räume im Palais de Rumine an der Place de Riponne ein. Dies tut es mit einem Gongschlag, mit ­einer Ausstellung des chinesischen Tausendsassas Ai Weiwei.


Lausanne : Ai Weiwei - Provokante Lektionen in Natur- und Kulturgeschichte


  
links: Ai Weiwei · With Wind, 2014, Bambus und Seide, ca. 240x240x5000 cm, Ausstellungsansicht, Musée cantonal des Beaux-Arts / Musée cantonal de Zoologie, Lausanne, 2017. Foto: Etienne Malapert
rechts: Ai Weiwei · With Wind (Detail), 2014, Bambus und Seide, ca. 240x240x5000 cm, Ausstellungsansicht, Musée cantonal des Beaux-Arts / Musée cantonal de Zoologie, Lausanne, 2017. Foto: Etienne Malapert


Mit der Einladung von Bernard Fibicher an Ai Weiwei schreibt sich zunächst eine persönliche Geschichte fort. Dreizehn Jahre ist es her, seit Kurator und Künstler schon einmal zusammenspannten und das heute geradezu synonym für zeitgenössische asiatische Kunst stehende Schaffen von Ai Weiwei in der Kunsthalle Bern 2004 erstmals solo in einem europäischen Museum zeigten. Seither waren grös­sere Ausstellungen, so bspw. in Winterthur, München, Berlin, Wien, immer wieder zu sehen. Trotzdem sollte man sich auf die Schau des mcba einlassen. Denn indem sie alle benachbarten Institutionen mit einbezieht und rund vierzig Werke aus den Jahren 1994 bis 2017 über das ganze Gebäude verteilt, bietet sie einen ebenso unkonventionellen wie nicht wiederholbaren Einblick in die weitverzweigte Welt Ai Weiweis.
Den Rundgang im Kunstmuseum beginnend, stösst man zunächst auf sattsam Vertrautes. Porzellanblumenprotest trifft auf autoritätsskeptische Gestik, Überwachungsgerät auf Metaphern der Zensurresistenz. Tapeten, die nebst eigenen Sujets auch des Künstlers Heroen Warhol und Duchamp zitieren, hüllen die Säle in passendes Ornament. Dass dies absolutistisch opulent wirkt, kann nur gewollt sein, und wo Twittervögel sich in Mimikry üben, offenbart sich, wie gewitzt Ai Weiwei auch hier seine eigene Geschichte mit der seines Landes und jener der Kunst zu verflechten weiss, um dem Ruf nach Freiheit und Würde des Individuums Nachdruck zu verleihen.
In den Räumen von Bibliothek, Münzkabinett und Archäologie sind dann weitere, teils noch kaum gezeigte, teils neu adaptierte Exponate integriert. Eine Form von subversiver Kontextbildung wird hier wirksam, die der aktivistischen Seite Ai Weiweis sehr entspricht. Diese Strategie setzt sich auch in der Geologie- und der Zoologie­abteilung fort, an einen Blog-Eintrag von 2006 über ein ähnliches Museum in ‹N Town› erinnernd. Schwere und Erdanziehungskraft sind nun Transparenz oder Leichtigkeit gewichen. Dennoch bleibt die gesellschafts- und staatskritische Botschaft des Künstlers, der von sich selbst sagt, Kommunikation sei ihm wichtiger als Ästhetik, bestimmend. So liest man auf den Winddrachen, die den Körper eines riesigen Lóng bilden - in China ein Symbol für den Kaiser, Glück und Frieden - unter anderem den Satz «Privacy is a function of liberty» von Edward Snowden. Die Aussage deckt sich mit Ai Weiweis Überzeugung, dass in keinem Land wirklich alles offen gesagt werden kann. Auch die Schweiz mache da keine Ausnahme, trotz Vorzeigedemokratie und langer humanitärer Tradition.

Bis: 28.01.2017



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Ai Weiwei [22.09.17-28.01.18]
Institutionen Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Astrid Näff
Künstler/in Ai Weiwei
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