Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
11.2017


Gabriele Lutz : Gabriele Lutz :  An der documenta 1982 hatte Wolfgang Laib einen frühen und viel beachteten Auftritt. Seither ist er mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden und wird weltweit ausgestellt. Jetzt ­feiert Lugano den Künstler – und weckt zugleich die Erinnerung an seine erste Ausstellung im Tessin.


Lugano : Wolfgang Laib - Where the Land and Water End


  
links: Wolfgang Laib · La chambre des certitudes - la certitude c'est l'imaginaire, 2000, Ölpastell und Bleistift auf Papier ©ProLitteris
rechts: Wolfgang Laib · Temple Water Basin near Shravana Belgola, South India, 2001, Schwarzweissfotografie ©ProLitteris


Harald Szeemann richtete Wolfgang Laib 1992 im Museo Comunale in Ascona eine Einzelausstellung aus. Diese stiess auf den Widerstand der Gemeinde­politiker, die Laibs ephemeren Arbeiten aus sogenannt kunstfremden Materialien - einem Feld aus Blütenpollen - verständnislos begegneten. Die angedrohte Entsorgung einer Steinplatte - Teil eines Werks von Laib - konnte zwar abgewendet werden, aber der verärgerte Szeemann setzte seinem Engagement für dieses Museum ein Ende. Jetzt ist Laib zurückgekehrt ins Museo d'arte della Svizzera italiana. Der scheidende Direktor widmet ihm seine Abschiedsausstellung. Auch die Tatsache, dass sämtliche für die Sammlung konzipierten Räume im Untergeschoss für die gross­zügige Inszenierung von Laibs Arbeiten zur Verfügung gestellt wurden, darf als aus­serordentliche Ehre für den Künstler und sein Schaffen gewertet werden.
Am Anfang der retrospektiv angelegten Schau mit Fotografien, Zeichnungen und Skulpturen steht ein ‹Brahmanda› - in Sanskrit die Bezeichnung für das kosmische Ur-Ei. Laib hatte zu Beginn der Siebzigerjahre seinen ersten ‹Brahmanda› geschaffen, einen ovalen, geschliffenen Körper aus Granit. In seiner schlichten Präsenz ist er kulturübergreifend verständlich als Sinnbild für das Zyklische aller Lebensprozesse. Für den Künstler ist diese Arbeit auch von biografischer Bedeutung: Sie markierte einst den Entscheid für die Kunst und - nach abgeschlossenem Medizinstudium - die Absage an die Medizin. Mit dieser Skulptur von vollendeter Form hat Laib programmatisch sein ganzheitliches Verständnis formuliert, das zur Essenz seines Schaffens geworden ist. Die Ausstellung versammelt ikonische Werk, wie ‹Milkstone› und ‹Rice House›. Die in Asien entstandenen Fotografien erlauben den Einblick in den kreativen Prozess. Sie sind Ausgangspunkt für Zeichnungen oder Skulpturen oder ermöglichen es, eine Arbeit nachträglich zu reflektieren. Sie wurden oft im Gegenlicht oder unscharf aufgenommen -es geht nicht um das perfekte Bild. Laib versteht es, den Objekten von archetypischer Symbolik eine Aura zu verleihen - den Behausungen für die Lebenden und die Toten, den Treppen als Ort für Rituale, die das Leben begleiten. Jüngst ist zudem ein Fries aus neun Zeichnungen in Weiss entstanden: ‹Where the Land and Water End›, 2017. Dem geduldigen Blick öffnen sich in der Tiefe der einzelnen Blätter kosmische Landschaften in äusserst formaler Reduk­tion - eine kleine Bewegung des Kopfes nur und sie entschwinden.

Bis: 07.01.2018


mit Katalog



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Wolfgang Laib [03.09.17-07.01.18]
Institutionen MASI/LAC Lugano Arte e Cultura [Lugano/Schweiz]
Autor/in Gabriele Lutz
Autor/in Gabriele Lutz
Künstler/in Wolfgang Laib
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=171021180120VC2-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.