Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
11.2017


J. Emil Sennewald :  Was ist modern? Dieses Jahr antwortet Emma Lavigne, Direktorin des Centre Pompidou Metz und Kuratorin der Biennale, auf diese Leitfrage. Trotz schmalem Budget ist ihr ein kohärenter Parcours gelungen, der die Ausstellung als Ort ästhetischer Erfahrung zeigt


Lyon : 14. Lyon Biennale - Les mondes flottants


  
links: Marco Godinho · Forever Immigrant, 2012, Wandzeichnung; im Vordergrund: Hector Zamora, Syn­clastic / Anticlastic, 2012, Ausstellungsansicht Biennale de Lyon, Sucrière. Foto: Blaise Adilon
rechts: Yuko Mohri · Moré Moré [Leaky]: The Falling Water Given #4-6, 2017, Ausstellungsansicht Biennale de Lyon, MAC. Foto: Blaise Adilon


Man mag es als Bevormundung empfinden, vom Generaldirektor einer Biennale das Leitthema aufgedrückt zu bekommen. Zumal Thierry Raspail, Gründer und sehr aktiver Chef von Frankreichs wichtigster Biennale für zeitgenössische Kunst, mit «Moderne» für viele eine olle Kamelle wählte. Entsprechend reagieren die Kurator/innen ausweichend. Ralph Rugoff zog 2015 mit «modernem Leben» 248'000 Besucher/innen an. Diesmal setzt Emma Lavigne, Direktorin des Centre Pompidou Metz, auf ‹mondes flottants›: «Mich interessiert, dass und wie sich Form wandelt, mir ist der Moment der Instabilität wichtig.» Als «Bilder der fliessenden Welt» übersetzt man gemeinhin auch das japanische Genre des Ukyo-e, das im 18. Jahrhundert Landschaften und Allzumenschliches festhielt. «Das ist mir durchaus bewusst», sagt Lavigne, «ich wollte eine meditative Stimmung, statt all dem Lärm, all der Gewalt noch mehr hinzuzufügen.» Ihr kunsthistorischer Zugang leistet etwas, das man auf den letzten Grossveranstaltungen vermisste: ästhetische Erfahrung als Sinngeber. Zurückhaltend gewählt und eingerichtet, entsteht mögliche Bedeutung durch kluge Dialoge zwischen aktuellen und historischen Werken, durch ästhetische Abfolgen und raumgebende Hängung. Diese Biennale ist apollinisch, nicht dionysisch.
Beginnt man die «Balade», wie Lavigne den Rundgang nennt, im 3. Stock des Musée d'art contemporain, eines von in diesem Jahr nur drei Hauptorten der Biennale, so treten die Diagramme und Schemata des 1997 verstorbenen Lars Fredrikson in behutsamen Kontakt zu gläsernen Monden von Dominique Blais (*1974) oder Schmetterlings-Scans von Yuko Mohri (*1980). Letztere trifft man im Erdgeschoss wieder, wo Blais' hängender Plattenspieler und Mohris Skulptur aus alltäglichen Objekten eine sanft ironische Erwiderung auf Marcel Duchamp bilden, der hier als wichtigster Eckstein der Moderne eingeführt, jedoch nicht monumentalisiert wird.
«Dass die Dialoge oft so stimmig sind», erklärt Lavigne, «liegt daran, dass sie mit den Künstlern zusammen ausgewählt wurden.» Cerith Wyn Evans habe bewusst zu seinem klingenden Mobile ‹A-P-P-A-R-I-T-I-O-N› von 2008 Werke von Otto Piene und Lucio Fontana gestellt, Ernesto Neto, Dauergast in Lyon, habe ausdrücklich Skulpturen von Hans Arp in seine Installation einbinden wollen. Die konnte sie günstig leihen, musste sich Lavigne doch mit einem Budget von nur einer Million € begnügen. Für sie eine erfreuliche Herausforderung: «Man hat doch die Nase voll von diesen teuren Blockbuster-Shows», sagt sie kampflustig. Und steckte das meiste Geld in Produktionen wie das ‹New House› der 2004 verstorbenen Brasilianerin Lygia Pape, die Restaurierung des ikonischen Films ‹Easter Morning›, 1966-2008, von Bruce Conner oder, eines der Highlights der Biennale, in ‹Flügel, Klingen›, eine raumgreifende Äolsharfe von Susanna Fritscher.
Die Schönheit, der Lavigne Raum gibt, enthält allerdings - ganz im Sinne des Apollinischen - eine stumme Kraft, die bisweilen zerstörend ist, wie es sich im Schutthaufen von Lara Almarcegui ausdrückt. ‹Mâchefer› liegt in der Sucrière auf der Halbinsel zwischen Rhône und Sâone und erzählt - wie immer bei der Spanierin - eine Geschichte der Industrialisierung. In der Mitte des grossen Saales weht ein weisses Seidentuch, bewegt von einer Reihe Ventilatoren. Hans Haacke hat ‹Wide White Flow›1967 zum ersten Mal realisiert, 2006 für seine Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen wieder aufgenommen. Das überraschend wenig provokative, poetische Frühwerk des 81-jährigen erscheint hier wie eine Illustration der ‹mondes flottants›. Oder eine Interpretation: alles fliesst. Dazu passen die wie gezeichneten Wolken auf den Wänden. Bei näherem Hinsehen geben sie ihre politische Botschaft preis: «forever immigrant» hat der Portugiese Marco Godinho dicht an dicht auf Aussen- und Innenwände der Sucrière gestempelt. Mit Abstand wird die Absage an Nationalzugehörigkeit schönes Gewölk.
In den übrigen Stockwerken entstehen neue Bezüge zwischen den Arbeiten, besonders gelungen in der Poesie und Schrift gewidmeten Abfolge von Werken Rivane Neuenschwanders, Marcel Broodthears' und Laurie Andersons. Weniger Künstler/innen, von denen aber mehr Werke, in verschiedenen Konstellation über die Biennale verteilt - eine richtige Entscheidung. Sie erlaubt die facettenreiche Lektüre ästhetischer Positionen. Diese Art des Fliessens ist manchem zu glatt, zu angenehm. Es fehle an Aufschrei im Jetzt, an politischer und kuratorischer Radikalität. Zu sehr habe Lavigne, so andere Kritiker, mit Pompidou-Beständen eine konventionelle Schau gebaut, die ungebrochen mit dem schwarzweissen Bauhaus-Stil der Moderne einlullt. Dem lässt sich entgegenhalten, dass Kunst durch ästhetische Erfahrung zu kritischer Weltsicht führt - nicht durch lange Erklärungstexte oder didaktische Statements. In Lyon wird mit Auswahl und Hängung diese Erfahrung als genuin modern auch deshalb nachvollziehbar, weil die Ausstellung das persönliche Engagement, die Handschrift der Kuratorin erkennen lässt. Ausstellung, also das Sich-Versetzen in einen anderen Raum, das Sich-Aussetzen anderer Wahrnehmungen, ist und bleibt Vertrauenssache. Lavigne würdigt das, indem sie als Kuratorin Begegnungen anbietet statt Enttäuschungen.

Bis: 07.01.2018



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 11  2017
Ausstellungen 14e Biennale de Lyon [20.09.17-07.01.18]
Institutionen La Sucrière [Lyon/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=171021180120VC2-17
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.