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Besprechung
11.2017


Heidi Brunnschweiler :  Die Retrospektive der amerikanischen Malerin Cheryl Donegan ist ein räumliches All-Over, das modernistische Kategorien wie Avantgarde und Kitsch multimedial inszeniert und befragt. Changierend zwischen Display und Gesamtkunstwerk entfaltet sie formstark Malerei- und Ideengeschichte.


Zürich : Cheryl Donegan - Variation der Linie


  
Cheryl Donegan · My Plastic Bag, 2017, Installationsansichten Kunsthalle Zürich. Foto: Annik Wetter


Die Videoarbeit ‹Line›, 1996, bildet das Zentrum von Cheryl Donegans (*1962, New Haven) Präsentation. Ihr Soundtrack taucht die Ausstellung in gegensätzliche Stimmungen ein. Erik Saties melancholisch-leiernde ‹Furniture Music› alterniert mit LaMonte Youngs exaltiertem Kratzgeräusch. Obwohl beide avantgardistischen Musikrichtungen zugeordnet werden, wirkt Satie heute populär. Das zeigt, dass der Lauf der Zeit Betrachtungsweisen verändert und Kategorien aufbricht. Inspiriert von Jean-Luc Godards Film ‹Le Mépris› befragt Donegan in ‹Line› Mythen des Modernismus wie Kunst und Ware, sublime Geste und Brand. Godard kritisierte in seinem Film die Preisgabe wahrer Schöpfung an den Publikumsgeschmack zwecks kommerziellen Erfolgs. Donegan nimmt die authentische Kunstproduktion ausgehend von Barnett Newmans ‹Zip Paintings› unter die Lupe. In Anspielung auf seinen Signature-Style führt sie Streifenbilder in unterschiedlichen Medien, Stilen und Materialisierungen vor der Kamera aus. Einem Gang durch die Kunstgeschichte gleich dekliniert sie den Streifen als Logo unterschiedlicher Stilrichtungen durch: als authentische, individuelle Markierung der abstrakten Expressionisten, als Zitat aus Konsumwelt und Werbung der Pop Art, schliesslich als Codes der digitalen Kunst.
Ausgehend von dieser konzeptuellen Mitte breitet Donegan ihre Malerei als Produktion und Transformation von Signature-Style und Brand, Kunst und Design, Werk und Ready-Made über die Räume der Kunsthalle aus. In der Serie ‹Banner›, 2015, werden die Streifen zu langen Stoffbahnen, auf denen die Geste der Markierung als digitaler Print erscheint. Signature-Style wird hier am Laufmeter produziert. Aus Kritik am Kunstmarkt hatte bereits 1958 Giuseppe Pinot Gallizio mit den ‹Industrial Paintings› All-Overs am Fliessband angefertigt. Donegan geht einen Schritt weiter. Als Verkörperung der Kunstware lässt sie aus digitalen Streifengemälden, den ‹Tracksuit-Banners›, Sportkleider herstellen. Ihre mit Online-Schnittmustern entworfene Ready-Made-Kollektion ‹legs, leggings, leggings› zeigt sie an rumpflosen Schaufensterpuppen. Als skulpturale Elemente und Alter Egos der Betrachtenden nehmen sie die Kreuzpunkte der über den Boden gezogenen ‹Banner› ein. Die Künstlerin scheint Barnett Newman zu kommentieren, der Piet Mondrians relationale Kompositionen zunächst als Design auffasste. Gleichzeitig gelingt es ihr, einen formstarken Ausdruck für die Verschränkung von High und Low in der Kunstproduktion des digitalen Zeitalters und ein Materialbild für ihre Metakunst zu schaffen.

Bis: 12.11.2017



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Cheryl Donegan, John Russell [26.08.17-12.11.17]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Cheryl Donegan
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