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Besprechung
11.2017


Dominique von Burg :  Sandra Senn komponiert modellhafte Bilderwelten zwischen Fiktion und konstruierter Wirklichkeit. Ihre aktuellen Aufnahmen zeigen seltsame Landschaften, die von chimärischen ­Wesen bevölkert und von merkwürdigen Objekten besetzt sind.


Zürich, Düsseldorf : Sandra Senn - Zwischen zwei Meeren


  
Sandra Senn · ohne Titel, 2017, Pigmentprint, 110x160 cm ©ProLitteris


«Lieber schlendere ich oder lasse mich treiben, wie nasses Holz, dessen flüchtiges Zuhause der Flusslauf bestimmt.» Mit dem lyrischen, blockhaft gesetzten Text auf grossformatigem Papier formuliert Sandra Senn (*1973) prägnant den Werdungsprozess ihrer malerisch wirkenden Aufnahmen. Sie zeigen vornehmlich brüchige, aus scheinbar fernen Zeiten stammende Steinfiguren, wie etwa das ‹Pferdemonument›, das ein Fundstück einer Ausgrabung sein könnte. In ihren lyrischen Arbeiten beschreibt die Künstlerin diese reduzierten Figuren in ebenso auf das Wesentliche konzentrierten Texten. Senn, die ihre Arbeiten als «digitale Malerei» bezeichnet, schildert, wie sie im Zustand der meditativen Versenkung Zwiegespräche mit den ihr begegnenden Dingen führt, etwa einem leuchtenden Blatt oder einem Stein. Diese flüchtigen Momente hält sie fotografisch fest. Aufnahmen, bspw. von Steinoberflächen, nutzt sie als Rohmaterial, das sie am Computer bearbeitet und anschliessend zu grossen Tableaus montiert. Was reales Abbild oder künstlich beigefügt ist, lässt sich kaum mehr feststellen. Der Pigmentdruck auf Büttenpapier verstärkt die Tiefenwirkung und verleiht den Arrangements eine geheimnisvolle Wirkung.
In ihren digital generierten Aufnahmen befragt Senn die Welt nach ihrem Wirklichkeitsgehalt. Bildeten vor einem Jahr noch funktionslose, bricolageartige Holzkonstruktionen die Gehäuse für ihre Erinnerungen, Gefühle und Erscheinungen, sind es heuer mächtige und doch zerbrechlich anmutende Steinfiguren mit einem nach innen gerichteten Blick. Sie thronen verloren in weiten, wüstenähnlichen Landschaften, deren Konturen sich stellenweise in wässrigen Hintergründen auflösen. Im Verzicht auf Details gewinnen die monumentalen Figuren eine starke physische Präsenz. Für die Künstlerin sind sie vergessene Speicher von Düften, Atmosphären, Erinnerungen und Hoffnungen, die uns Nachgeborenen übermittelt werden. Eine aus dem Meer aufragende Frauenbüste, die mit einem Pferdekopf verschmilzt, erinnert an Medusa. Ein dunkles, aus einer Koralleninsel herausragendes Gesicht evoziert ­eine in den Elementen hausende Gottheit. Das im Sand versunkene ‹Pferdemonument› lässt an Zeiten denken, als noch wilde Reiterhorden durch ferne und nahe Ländereien sprengten. An einen Strand gespülte, erodierte Metallteile evozieren Schiffswracks und die mit ihnen versunkenen Menschen und Schätze. Es sind alles geheimnisträchtige Bilder, die in ihrer Ortlosigkeit befremden und die zugleich als Metaphern für verflüssigte Gedanken eine dunkle Magie ausstrahlen.

Bis: 18.02.2018



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Sandra Senn [28.10.17-25.11.17]
Institutionen Galerie Voss [Düsseldorf/Deutschland]
Institutionen sam scherrer contemporary [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Sandra Senn
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