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Besprechung
11.2017


Deborah Keller :  Für wen sind Ausstellungen eigentlich gemacht? Aus dieser und ähnlichen Fragen haben der Helmhaus-Kurator Daniel Morgenthaler und rund zwanzig Künstlerinnen und Künstler eine erfrischende Schau entwickelt, die das «Du» ins Zentrum stellt.


Zürich : Eine Ausstellung für Dich - Dem Du huldigen


  
Eine Ausstellung für Dich, Installationsaufnahmen Helmhaus Zürich, 2017. Foto: FBM Studio


«Du kannst ehrlich sein» steht im Ausstellungsflyer geschrieben. ‹Eine Ausstellung für Dich› ist angekündigt, und dieses «Du» wird ungewohnt direkt aufgefordert, zu beurteilen, ob das Vorhaben der beteiligten Kunstschaffenden und des Kurators geglückt ist: Man will dem zeittypischen Egozentrismus, der in den Social Media, in der Politik und eben auch in der Kunst grassiert, etwas entgegensetzen, indem man einem unbekannten, vielfältigen Gegenüber huldigt.
Die sprachliche Ebene spielt dabei eine wichtige Rolle - in den Vermittlungstexten und in mehreren Kunstwerken, die dieses «Du», besser gesagt ein «you», beschwören. Bei Vreni Spieser zum Beispiel lese ich aufgedruckt auf Kleidungsstücke, die einem früheren Lebenspartner der Künstlerin gehörten, halbfertige «you»-Sätze.
Es sind Liebes- und Hassbotschaften aus den letzten Korrespondenzen des Paars, die sich mir nur zur Gänze erschliessen, wenn ich die Kleider wende. Fulminant wird diese drapierte Intimität halbstündlich übertönt von Herzschmerz in universellem Format: Peter Tillessen lässt auf zwei je wandfüllenden Projektionen dieselbe Band auftreten und gleichzeitig ‹With or Without You› von U2 beziehungsweise ‹So Lonely› von The Police spielen. Man staunt über den harmonischen Gleichklang der beiden Popsongs und über die existenzielle Aussage, die im Parallelismus anklingt: Das Ich ist einsam, mit oder ohne das Du. Demgegenüber ermöglicht uns Andrea Oki mit Virtual-Reality-Brillen Momente von idyllisch idealisierter Zweisamkeit: Mässig bequem im pinken Fat Boy liegend, lasse ich mich von Vincent - wahlweise auch von Juliette - mit Beeren und Champagner verwöhnen.
Doch wird nicht nur das partnerschaftliche «Du» angesprochen. Auch dem Tier in mir kann ich dank Alexander Tuchaček beim Telefongespräch mit einem Bot auf die Spur kommen. Felix Studinkas leitmotivisch installierte, abstrakte Zeichnungen und Gemälde erzählen von seiner allmorgendlichen Begegnung mit einem Baum. Und schliesslich gehört ein umfangreiches Performanceprogramm, natürlich, ebenfalls zum Thema, sind die Betrachtenden dieser heute sehr gefragten Kunstform doch ein essenzieller Teil des ephemeren Gefüges.
Wenn ich nun also ehrlich sein soll: Die Ausstellung wirbt deutlich und oft interaktiv um das «Du». Das könnte aufdringlich wirken, macht aber eigentlich doch sehr viel Spass, und das nicht ohne mir Gedankenanstösse in verschiedenste Richtungen - zu mir, zu Dir, zum Wesen der Kunstwelt - mit auf den Heimweg zu geben.

Bis: 19.11.2017



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Eine Ausstellung für Dich [22.09.17-19.11.17]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
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