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Hinweis
11.2017




Biel : Livia Di Giovanna


von: Adrian Dürrwang

  
links: Livia Di Giovanna · Prototyp, 2017, MDF/Melaminharzbeschichtung, 182x165x80 cm
rechts: Livia Di Giovanna · Ufer, 2017, 16 Videos mit Audio auf 16 Monitoren, Ausstellungsansicht Pasquart 2017. Foto: Julie Lovens


Ein grünlicher Fluss scheint über sechzehn, direkt nebeneinander montierte Monitore hinweg an den Eintretenden vorbeizuströmen. Ein schmaler Streifen des gegenüberliegenden Ufers ist jeweils zu erkennen. Betrachtet man diese rund elf Meter lange Videoarbeit der Künstlerin Livia Di Giovanna (*1984, Bern) im Eingangsbereich der «Galeries» des Kunsthauses Pasquart genauer, ergibt sich plötzlich eine Irritation. Feine Unterschiede in der Beleuchtung und im Erdreich der einzelnen Uferabschnitte brechen die vermeintliche Kontinuität in ‹Ufer› von 2017 auf. Zeitliche und räumliche Verschiebungen werden offenbar.
Di Giovanna hinterfragt in ihren Videos oft Grundkonstanten filmischer Darstellung. Sie unterläuft die Erwartungen, welche die Betrachtenden an das Medium haben. Raum, Zeit, Licht, Dunkelheit, Perspektive, Spiegelung, Kontinuität und Wiederholung sind Kern­themen ihrer Arbeit. Dabei realisiert sie eigentliche Versuchsanordnungen, die jedoch niemals unfertig oder nachlässig wirken. Hochwertig produzierte Videos, wie ‹Lot›, ebenfalls von 2017, wo ein solches auf schwarzem Hintergrund scheinbar endlos kreist, sind nur zu Beginn rätselhaft. Etwas Nachdenken offenbart, woher der Impuls für die Bewegung kommen muss. Einfach, aber nicht trivial, ergibt sich ein fruchtbares Kippmoment. Real gekippt um neunzig Grad ist dagegen die «Tischplatte mit Schublade» der Skulptur ‹Prototyp›, 2017, die durch eine Bohrung zu einer Art Camera Obscura mutiert.
Im dritten Raum endet die gelungene Choreografie von Videos und Skulpturen mit der Videoprojektion ‹À l'intérieur›, ebenfalls 2017, die rund drei Meter hoch und mit elf Metern fast ebenso lang ist wie ihr Pendant ‹Ufer›. Die Dimensionen des nahtlos zusammengefügten, mit zwei Projektoren realisierten schwarzen Videobildes sind im verdunkelten Raum kaum zu erfassen. Nur von Zeit zu Zeit erhellt in der Aufzeichnung die Taschenlampe der Künstlerin von wechselnden Standorten aus Objekte und Ecken in einer Halle. Kaum in der Lage, das Gesehene einzuordnen, durchschauen die Betrachtenden erst langsam, dass sie eine Rundumsicht in Di Giovannas Atelier in Lebensgrösse vor sich haben. Livia Di Giovanna verfolgt in dieser Arbeit gezielt die Aufsplitterung einer Szene in einzelne Sequenzen, die schwer verortbar sind, und entlässt ihr Publikum mit einer erhöhten Sensibilität für die Kategorien Zeit und Raum.

Bis: 19.11.2017



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Ausgabe 11  2017
Ausstellungen Livia Di Giovanna, Sandrine Pelletier [22.09.17-19.11.17]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Adrian Dürrwang
Künstler/in Livia Di Giovanna
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