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Editorial
12.2017




Editorial - das Bild hinter dem Bild


  
TITELBILD · Ester Vonplon · ohne Titel, 2017, 114x88 cm, C-Print, aus der Serie: Singen Vögel im Schlaf


Nur einmal bin ich Eis und Wasser so erschreckend nahe gekommen: im Dunkeln einer Kajüte, geweckt durch knackendes, knirschendes Eis. Hält die dünne Schiffswand? Ich dachte an den Polarforscher Ernest Shackleton und seine Crew, die ihren Dreimaster «Endurance» zerschmettert im Packeis in der Antarktis zurücklassen mussten. Unsere Lage war weit weniger dramatisch. Über Nacht hatte eine feine Eisschicht das Wasser im norwegischen Fjord überzogen, wo wir vor Anker lagen.
Auch in Ester Vonplons Aufnahmen scheint uns nur eine ­feine Membran von der Macht der Elemente zu trennen. Das Titelbild entstand bei einer Schiffsreise in die Arktis. Während andere die Smartphones zückten, installierte sie ihre Polaroid-Grossbild­kamera, mass das Licht und justierte die Einstellungen, bevor sie den Auslöser drückte. Dabei interessierte sie weniger das Sofortbild, das Positiv, als vielmehr der Träger des Negativs, der meist weggeworfen wird. Diesen präparierte sie wie folgt: «Indem ich ihn auf eine Glasscheibe aufklebe und mit Javelwasser bestreiche, löst sich der Film vom Träger. Somit entsteht ein analoges Negativ, das ich letztlich benutze, um meine Abzüge zu erstellen.»
Deutlicher als in der direkten Aufnahme zeigen sich im bearbeiteten Negativ die biochemischen Abläufe, die sowohl die arktische Landschaft wie auch den fotografischen Prozess prägen. So, wie das Eis Sichtbares und Unsichtbares konserviert - Blätter einstiger Vegetation, hergewehter Saharastaub, klimatische Veränderungen -, ist auch in Vonplons Bildern vieles eher zu erahnen als zu erkennen. Sie führen vor Augen, wie Flüssiges den Aggregatszustand wechselt, wie Strukturen sich verfestigen, wie Kristalle Licht in Spektralfarben reflektieren. Und sie evozieren evolutionäre Prozesse, ohne abbildhaft und damit verortbar zu sein. Claudia Jolles



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Ausgabe 12  2017
Autor/in Claudia Jolles
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