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Fokus
12.2017


 Ester Vonplon faszinieren Orte fernab der Zivilisation - Schnee, Eis und Gebirge. Aus natürlichen Erscheinungen liest sie feinste Spuren heraus, die fotografisch fixiert abstrakt-poetische Bildwelten ergeben. Die Manor Kunstpreisträgerin 2017 treibt die Abstraktion nun noch einen Schritt weiter: Sie erprobt eine Überwindung der Fotografie durch Fotografie.


Ester Vonplon - Die (Un-)Lesbarkeit der Welt


von: Jana Bruggmann

  
links: o.T., 2017, C-Print, 130x100 cm (links); o.T., 2017, C-Print, 114x88 cm, (Mitte); o.T., 2017, Polaroid, Unikate, 4x5 Inch (rechts); Singen Vögel im Schlaf, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum. Foto: Thomas Strub
rechts: o.T., 2017, Kohlenpigmentdruck auf Hahnemühle, 114x88 cm


«Gewisse Eisformationen sehen aus wie Gemälde», räsoniert Ester Vonplon, die sich mit ihrer Grossbildkamera oftmals im Freien bewegt. Sie ist eine Spurenleserin auf der Suche nach feinsten Strukturen in Schnee, Eis und Salz - je genauer man hinsieht, umso mehr lässt sich aus diesen Spuren herauslesen. Dabei reicht die Idee, die Natur lasse sich lesen wie ein Buch, bis in die Antike zurück. Sie beruht auf der Grundannahme einer Lesbarkeit der Welt. Dabei eröffneten neue optische Apparate wie das Mikroskop und das Teleskop bisher ungekannte Dimensionen der Les- und Sichtbarkeit. Es verwundert daher nicht, dass auch das Medium Fotografie schon früh mit der Vorstellung einer vollständigen Abbildbarkeit und Lesbarkeit der Welt verbunden wurde. William Henry Fox Talbot bezeichnete das Medium Mitte des 19. Jahrhunderts als «Pencil of Nature». Die Natur zeichne nichts weniger als ihr eigenes Abbild. Fotografie war für Talbot ein objektiver Abdruck der Wirklichkeit, eine mechanische und vom Menschen unbeeinflusste Wiedergabe der sichtbaren Natur.

Annäherung an ein Ende der Referenz

Es ist gerade dieser Anspruch an einen klaren Wirklichkeitsbezug fotografischer Bilder, von dem sich Vonplon sukzessive löst. Dabei spielt sie sowohl mit den Erwartungen an das Medium Fotografie wie auch mit den diskursiven Unruhen, die es von Beginn an begleiten. Was war, was tat und was zeigte die Fotografie? Keine Hand war am Werk, vielmehr schienen die Bilder wie von selbst zu entstehen. Walter Benjamin gestand der Fotografie daher einen «magischen Wert» zu und noch Roland Barthes hat die Fotografie als «Magie und nicht als Kunst» verstanden. Es ist dieses Moment der Magie, das in Vonplons Arbeiten an Gewicht gewinnt, während sie die Lesbarkeit von Bild und Welt auf poetische Weise unterwandert.

Deutlich wird dies in Werkzyklen wie ‹Ruinaulta›, 2012-2013, und ‹Schnee/Salz›, 2013-2014. Es handelt sich um randabfallende, horizontlose Bilder von Felswänden, Schneefeldern und Salzwüsten. Nur noch Oberflächenstrukturen und Farben sind sichtbar - das körnig-glitzernde Weiss von Schnee und Salz, das unruhig-zerklüftete Grau von Gestein. So bleibt die Natur zwar ihr Motiv und die Fotografie ein Analogon zum Wirklichen. Die Monochromie und das All-over lösen die direkte Lesbarkeit allerding auf. Wir können zwar noch Bezüge zur Wirklichkeit herstellen. Vonplon unterschlägt jedoch zentrale Referenzpunkte wie die tatsächliche Grösse von Strukturen oder die Entstehungsorte der Aufnahmen, wodurch eine präzise Verortung in Zeit und Raum unmöglich wird.

«Im Sommer 2016 erhielt ich ein Stipendium, das es mir ermöglichte, mit anderen Künstlern, Wissenschaftlern und Umweltaktivisten auf einem Forschungsschiff für dreieinhalb Wochen durch die Arktis zu reisen.» Die Weite der Arktis, aber auch die unerwartet intensiven Farben des Eises hätten sie tief beeindruckt. Daraus schöpfte Vonplon nicht nur die Motivation zu einem weiteren Schritt in Richtung Abstraktion, auch die Farbe hält Einzug in ihr Werk. Mit einer Polaroid-Kamera nimmt sie Bilder auf und manipuliert diese noch während des analogen Entwicklungsprozesses. Aufgrund der manuellen Eingriffe sind nun keine konkreten Landschaften mehr zu sehen, sondern lediglich noch die Spuren des Lichts, die sich ins Fotomaterial eingeschrieben haben.

Nach diesen ersten Experimenten bekennt sich Vonplon in ihrer Ausstellung im Bündner Kunstmuseum zur radikalen Abstraktion: Anstatt den Akt der Bildherstellung auf eine Apparatur zu übertragen, verzichtet sie teilweise ganz auf die Kamera, diesen Garanten mechanischer Objektivität. Stattdessen bearbeitet sie den Film nur noch manuell. Es ist eine Wiedereinführung der subjektiv-künstlerischen Hand sowie des Zufalls, die durch die Fotografie erfolgreich eliminiert schienen. Auch enthalten die Fotografien keine direkte Referenz mehr an eine sichtbare Realität. Formale und inhaltliche Gewissheiten verschwinden. Bei Vonplons Werken handle es sich im Prinzip um eine Überwindung der Fotografie durch Fotografie, so Walter Keller, der 2014 verstorbene Galerist und Mentor der Künstlerin. Was bleibt, ist ein poetischer Kosmos aus Strukturen, Körnungen und Farbverläufen, der sich auf nichts als sich selbst zu beziehen scheint. Nicht umsonst erkennt Lynn Kost, der Kurator der Ausstellung, in Vonplons Fotografien eine Art lyrische Abstraktion, die nur mit der Farbfeldmalerei verglichen werden kann.

Unlesbarkeit der Welt

Bei aller Schönheit und Poetik sind Vonplons Bilder davor gefeit, ins rein Dekorative abzurutschen. Ihre bohrende Unbestimmtheit ruft nicht nur ästhetisches Vergnügen hervor. Sie ist auch eine potenzielle Quelle der Frustration - in einer Zeit der Bilderflut kann einem dieser «Realitätsentzug» den Boden unter den Füssen wegziehen. Es bleibt das ungesättigte Verlangen, sehend zu verstehen, kurz, die Lesbarkeit der Welt wiederherzustellen. An diesem Punkt wird das schöpferische Potenzial der Einbildungskraft abgerufen: Das Hirn arbeitet auf Hochtouren, ist auf der Suche nach Analogien, nach Erinnerungen, nach bereits Gesehenem. Es bleibt nichts anderes übrig, als in der Leere der Welt lesen zu lernen. Wer Vonplons Bilder betrachtet, setzt sich somit zuvorderst mit seiner eigenen Wahrnehmung und Erinnerung auseinander.
Diese Haltlosigkeit vor dem Bild hat Vonplon selbst erlebt. Nicht nur die Arktisexpedition, sondern auch Bilder aus dem Bereich der naturwissenschaftlichen Forschung haben zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der (Un-)Lesbarkeit von Bildern geführt. «Das Bildarchiv des CERN hat bei mir fundamentale Fragen nach objektiver Wahrnehmung aufgeworfen», erzählt Vonplon, die sich in den letzten zwei Jahren mit dem CERN in Genf befasst hat. «Ich stiess auf Fotografien, die für Laien unmöglich zu entschlüsseln sind. Aufnahmen, die für Wissenschaftler Aufschluss über komplexe Forschungsgegenstände geben, werden für den Laien so zu ungegenständlichen Bildern.» Vonplon verweist damit auf die kulturelle Codierung des Bilderlesens. Da das Lesen von Bild und Welt unentrinnbar mit dem Subjekt und dessen kultureller Prägung verknüpft ist, kann es keine objektive Lesbarkeit der Welt geben - mit den Worten des Philosophen Maurice Merleau-Ponty gesprochen: Das Subjekt ist untrennbar von der Welt, doch von einer Welt, die es selbst entwirft.

Das Gespräch mit Ester Vonplon und Lynn Kost fand am 3.10. im Bündner Kunstmuseum Chur statt.
Jana Bruggman ist in der Kulturvermittlung und wissenschaftlichen Forschung tätig, arbeitet in Zürich, Luzern und Berlin und befasst sich derzeit mit Fragen visueller Welterzeugung. bruggman@artlog.net


Bis: 17.12.2017


mit Publikation, edition fink, Zürich 2017

Ester Vonplon (*1980, Schlieren/Zürich), lebt in Castrisch

2011-2013 Master of Arts in Fine Art, ZHdK, Zürich
2004-2007 FAS, Fotografie am Schiffbauerdamm, Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Alleine tanzend irgendwo›, in Kollaboration mit Jürg Halter, Kunstverein Konstanz; ‹Singen Vögel im Schlaf›, Bündner Kunstmuseum, Chur
2014 ‹Wohin geht all das Weiss, wenn der Schnee schmilzt?›, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2017 ‹Wie viel Zeit bleibt der Endlichkeit›, Rencontres de la Photographie, Arles
2016 Photo Biennale, Shenzhen
2015 ‹Gletscherfahrt›, UN-Klimakongress, Botschaft Schweiz, Paris
2014 ‹Reflected, works from the FOAM collection›, foam Amsterdam
2013 Kunst 13 Zürich, Nomination Kunstpreis, Zürich
2011 ‹Welt Bilder 4›, Helmhaus Museum, Zürich
2009 ‹Swiss Photo Award›, ewz selection, Zürich



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Ester Vonplon [02.09.17-17.12.17]
Institutionen Bündner Kunstmuseum [Chur/Schweiz]
Autor/in Jana Bruggmann
Künstler/in Ester Vonplon
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