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Fokus
12.2017


 Robert Walser, Biel und die Kunst sind das Grundgerüst der ‹Robert Walser Skulpture›, mit der Thomas Hirschhorn 2018 den Bieler Bahnhofsplatz bespielen wird - als einziger Teilnehmer der Schweizerischen Plastikausstellung. Der gebürtige Berner setzt damit seine politisch grundierten Arbeiten wie das 2013 in der Bronx realisierte ‹Gramsci-Monument› fort.


Thomas Hirschhorn - Fieldwork V, Robert Walser Skulpture


von: Alice Henkes

  
links: Eine Landschaft aus Räumen, Treppen, Ebenen: So soll der Bahnhofplatz in Biel im Sommer 2018 aussehen
rechts: Eigenwillige Helden: Thomas Hirschhorn im Gespräch mit dem Bieler Original Parzival.


«Dass Sie dabei sein müssen ist klar. Aber wie?», sagt Thomas Hirschhorn. Es ist ein sonniger Oktobermorgen in der zweiten Woche der ‹Fieldwork V›. Thomas Hirschhorn sitzt gemeinsam mit Kathleen Bühler, Leiterin der Abteilung Gegenwart am Kunstmuseum Bern, und Lady Xena, Domina im Ruhestand, in einem kleinen Café in der Bieler Altstadt. Bühler kuratiert die Schweizerische Plastikausstellung 2018 und hat Hirschhorn eingeladen, dort als einziger Künstler ein Projekt zu realisieren. Lady Xena soll an der ‹Robert Walser Skulpture› partizipieren. Nur wie, das ist noch ungeklärt. Der Künstler und die Kuratorin sprechen tastend in den offenen Raum. Könnte sie sich vorstellen, den Besuchenden für Gespräche zur Verfügung zu stehen? «Nein!» sagt Lady Xena. Sie will nicht die Sensationsgier des Publikums befriedigen. Darüber gibt es keine Diskussionen, denn so klar für Hirschhorn ist, dass Lady Xena dabei sein muss, so unumstösslich ist auch, dass er niemanden blossstellen wird.

«Be an Outsider ! Be a Hero ! Be Robert Walser !», so lautet das Motto, das Hirschhorn seiner Arbeit für die Schweizererische Plastikausstellung 2018 zugrunde gelegt hat. Diese Devise, deren erster Teil ein Zitat des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica ist, helfe ihm, so Hirschhorn, «niemals zu vergessen, wer Robert Walser war: ein Outsider». Diese Devise helfe ihm auch, «die Form für eine Hommage zu finden, eine Hommage an Robert Walser aber auch an alle anderen Outsider und Helden».

Ein Solo für über fünfzig Akteure
Der Dichter Robert Walser, 1878 in Biel geboren, 1956 in Herisau gestorben, ist eine emblematische Figur für das ganze Projekt. «Da Robert Walser selbst ein Aussenseiter war», so Kathleen Bühler, «bemüht sich Thomas Hirschhorn, zuerst die sozial Randständigen, Alkoholiker, Suchtkranken oder sonstwie vorübergehend am Rand Befindlichen zu informieren und für seine Ideen zu gewinnen.» Aktiv sucht Hirschhorn den Kontakt zu Menschen in Biel, die für gewöhnlich keinen oder kaum Kontakt zu Kunst und Kultur haben. Er besucht die Gassenarbeit und den Alkoholikertreff, besucht Sozialhilfebezüger und Menschen mit Drogenproblemen. «Ich möchte mit diesen Menschen arbeiten», sagt er, denn «Robert Walser könnte, lebte er heute, einer von ihnen sein».

Lady Xena ist eine dieser Heldinnen, die Hirschhorn in seine ‹Robert Walser Skulpture› integrieren möchte. Sie hat noch nie etwas von Robert Walser gelesen, wie sie bekennt. Dennoch entdeckt Thomas Hirschhorn Parallelen zwischen der pensionierten Domina und dem feinfühligen Wortziselierer. Lady Xena hat in einem schma­len Bändchen ihre Lebenserinnerungen zusammengefasst und beschreibt dort Kun­den, die wie Hunde gehalten werden wollen. Robert Walser bekundete in seinen Briefen an die von ihm adorierte Wäscherin Frau Mermet, er träume davon, von ihr wie ein Hund, wie eine Dienstmagd behandelt zu werden. Hirschhorn liest einige Briefe aus dem ‹Robert Walser Handbuch› von Lucas Marco Gisi vor. Gisi lehrt Neuere deutsche Literatur an der Universität Basel und ist Leiter des Robert Walser-Archivs im Robert Walser-Zentrum in Bern. «Wir denken darüber nach, das Robert Walser-Zentrum in die Robert Walser Skulpture zu integrieren», erzählt Hirschhorn. Die akademische Institution hätte dann einen Raum auf dem Bahnhofsplatz. Und direkt daneben ein Raum für Lady Xena? Warum nicht. «Die akademische, saubere Verarbeitung dieser Sehnsüchte, konfrontiert mit der grausamen Wirklichkeit», sagt Hirschhorn. Wie sich das umsetzen lässt, bleibt vorerst offen. Die Details werden später geklärt. Der nächste Termin wartet.

Die Kunst als Werkzeug
Mit der Verpflichtung Hirschhorns als Einzelposition für die Schweizerische Plastikausstellung 2018 hat die Kuratorin Kathleen Bühler einen Coup gelandet. Dabei hat die 1954 gegründete Ausstellung in ihrer wechselvollen Geschichte schon einige Überraschungen geliefert. Ab den Siebzigerjahren geriet der bis dahin geltende Vierjahresrhythmus immer mehr aus dem Takt. In der jüngsten Vergangenheit verblüffte das Ausstellungsgefäss mit seiner radikalen Modernität. Bei der letzten Ausgabe im Jahr 2014 setzte das Kuratorenduo Gianni Jetzer und Chris Sharp unter dem Titel ‹Le Mouvement› ausschliesslich auf ephemere Performances. Und jetzt kommt Hirschhorn mit der ‹Robert Walser Skulpture›: Ein Solo mit mehr als fünfzig Teilnehmenden.

Karton, Klebeband und Silberfolie: Mit seinen wuchernden Installationen aus «armen Materialien» erlangte der gebürtige Berner internationale Bekanntheit. Weit über die Kunstwelt hinaus zum Begriff wurde er durch den Skandal um die Installation ‹Swiss-Swiss Democracy› im Schweizer Kulturzentrum in Paris im Jahr 2004, in die ein Bild des damaligen Bundesrats Christoph Blocher integriert war.
Hirschhorn interessiert sich immer wieder für Menschen, die für gewöhnlich abseits der Kunstwelt stehen. 2013 realisierte er in der Bronx in New York das ‹Gramsci-Monument›. Benannt nach dem italienischen Denker und Marxisten Antonio Gramsci, entstand das Projekt als Gemeinschaftsarbeit mit Menschen aus dem Quartier. Es war eine Art Quartierzentrum in Kunstform. Es war vor allem ein Kunstprojekt, das sich explizit an ein «nicht-exklusives Publikum» richtete.

Hirschhorn will «Kunst politisch machen». Im Gegensatz zu «politischer Kunst» und deren herkömmlicher Definition, bedeutet ihm dies, direkt mit der ihn umgebenden Realität zu arbeiten. Texte und Bilder aus den Tageszeitungen sind damit ebenso gemeint wie Ereignisse und soziale Strukturen, die bereits an einem Ort angesiedelt sind. Kunst ist für Hirschhorn ein «Werkzeug der Welterkenntnis. Die Kunst ist ein Werkzeug, um die Realität zu entdecken. Und die Kunst ist ein Werkzeug, um die Zeit zu erfahren». Deshalb sei es ihm wichtig, niemanden auszuschliessen aus der Kunst.

«Zusammenkleben, was man nicht zusammenkleben kann», so erklärt Hirschhorn das Prinzip der Collage. Es lässt sich auf seine Installationen ebenso anwenden wie auf Projekte wie die ‹Robert Walser Skulpture›. Ist es doch ein wesentlicher Punkt dieser Skulptur, kunstferne Menschen in die Kunst zu bringen. Und ihnen neben Aufmerksamkeit auch eine angemessene Entlohnung zukommen zu lassen. «Ich will, dass jeder, der arbeitet, bezahlt wird», sagt Hirschhorn. Viele der Bielerinnen und Bieler, die er in sein Projekt integrieren möchte, beziehen Sozialhilfe. Das heisst, jeder Zuverdienst über 500 Franken wird ihnen von der Sozialhilfe abgezogen. Hirschhorn findet das unbefriedigend. Ein Treffen mit Thomas Michel, dem Leiter der Abteilung Soziales, soll Aufschluss darüber geben, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, echte finanzielle Anreize zu bieten. Michel ist freundlich und sehr wohlwollend dem Projekt gegenüber. Seine Auskünfte sind allerdings ernüchternd. An der bestehenden Regelung Zuverdienste betreffend, kann er nichts ändern. Ob es irgendwo ein Hintertürchen gibt? Diese Frage wird Hirschhorn nicht mehr loslassen: «Ich will nichts Illegales machen, aber ich will auch niemanden ausbeuten.»

Exzessive Intensität

87 Tage lang wird Hirschhorn den Bahnhofsplatz in Biel mit seiner ‹Robert Walser Skulpture› bespielen. Vom 16.6. bis 9.9. wird sich der Platz in eine Art gigantische Collage verwandeln mit verschiedenen Räumen, Emporen, Treppen, in und auf denen jeden Tag von 10 bis 22 Uhr ein Programm stattfindet. Es wird Vorträge geben, Lesungen, Walser-Spaziergänge, ein Theaterstück, das der deutsche Philosoph Marcus Steinweg eigens verfasst. Und eine tägliche Vernissage, organisiert von Chri Frautschi, dem Betreiber des Off-Spaces Lokal-int. Er habe Chri Frautschi besucht, erzählt Hirschhorn, und habe ihn gefragt, warum er in seinem Kunstraum jede Woche eine Vernissage mache. Die Vernissagen, habe Frautschi gesagt, seien das Wichtigste. Das seien die Momente der Begegnung. Da bewege sich etwas. Das leuchtete Hirschhorn sofort ein. Er bewegt sich unablässig. Die ‹Robert Walser Skulpture› - für ihn und seine Mitakteure hat sie längst begonnen. Seit dem Frühsommer 2016 kommt der in Paris lebende Künstler regelmässig nach Biel, in sogenannten ‹Fieldworks› begegnet er unzähligen Menschen, vor allem aus den kunstferneren Schichten der Stadtbevölkerung. An diesem Oktobertag während der ‹Fieldwork V› sind es neben Lady Xena die Mitarbeiter der Gassenarbeit und der Leiter der Abteilung Soziales der Stadt Biel, ein privater Filmclub, ein Sozialhilfebezüger aus Madretsch und - zum Ausklang des Tages - das Künstler-Duo Haus am Gern. Im Schnitt trifft er während seiner 14-tägigen Fieldworks 73 Menschen, doch manchmal sind es - so die Kuratorin - auch nur vier Termine an einem Tag.

Die Intensität, mit der Hirschhorn in Biel arbeitet, hat etwas Exzessives. Im Sommer 2018 wird Hirschhorn im Rahmen der ‹Robert Walser Skulpture› jeden Tag präsent sein, ohne Ruhe- oder Sonntage. «Seine Überlegung ist», so Kathleen Bühler, «durch seine Bereitschaft zu diesem riesigen Einsatz einerseits die Wichtigkeit der Skulptur zu unterstreichen und andererseits - im Sinne einer Schenkökonomie (potlatch) - auch die Teilnehmenden und das Publikum zu grossem Einsatz und intensiver Auseinandersetzung zu animieren. Thomas Hirschhorn ist der Überzeugung, dass wahre Kunst sich in Übertreibung und Verschwendung zeigt.»

Der Joker

Hirschhorn, der Unermüdliche, gibt nicht nur, er erwartet auch. Und er regt Menschen an, aktiv zu werden, Ideen zu entwickeln, selbst etwas in die Hand zu nehmen. Markus, ein Sozialhilfebezüger aus dem Bieler Problemquartier Madretsch, ist einer dieser Menschen. Allerdings ist er nicht irgendein Akteur. Er ist der Joker. Er wird ein Tipi auf dem Bahnhofsplatz haben und von dort aus agieren. Allerdings nicht in einer festgelegten Funktion. Er wird in unterschiedliche Rollen schlüpfen, verschiedene Aufgaben übernehmen. Wie ein Joker eben.
Was Markus zum Joker macht? Nun, vielleicht gibt es da eine stille Seelenverwandtschaft zwischen ihm und Thomas Hirschhorn. Die Ein-Zimmer-Wohnung des Jokers könnte eine Installation sein: Bunte Bierseidel, Modell-Autos, vergilbte Streichholzbriefchen, leere Energy-Drink-Dosen, Video-Cassetten, Taschenbücher, eine Heimorgel, ein Kofferplattenspieler und vieles mehr drängt sich in dem schmalen Raum. Chaotisch aber doch geordnet. Beinahe ein Kunstwerk.

Alice Henkes (*1967, Hannover), Studium Germanistik und Soziologie, arbeitet als Kulturredaktorin für das Bieler Tagblatt und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. Sie lebt in Biel.


Bis: 09.09.2018


Thomas Hirschhorn (*1957, Bern) lebt in Paris

Ausbildung
1978-1983 Studium an der Schule für Gestaltung in Zürich (Grafikklasse)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2000 The Art Institute of Chicago
2001 Kunsthaus Zürich
2003 Schirn Kunsthalle, Frankfurt a.M.
2005 Bonnefantenmuseum, Maastricht; Pinakothek der Moderne, München
2008 Wiener Secession
2011 Aargauer Kunsthaus, Aarau.
2013 ‹Gramsci-Monument Pavillon›, New York City, Bronx

Grossausstellungen (Auswahl)
2002 ‹documenta 11›, Kassel
2006 ‹27. Biennale São Paulo›, Sao Paulo
1999/2003/2011 ‹Biennale di Venedig›, Venedig



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Ausgabe 12  2017
Institutionen Aussenraum [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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