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Fokus
12.2017


 Mit dem Medium Video erforscht die Kuratorin Susann Wintsch aktuelle Strömungen in der Kunst Westasiens und setzt ihre Ergebnisse in elektronische Ausstellungen um. Wie kam es dazu und welches sind die Vor- und Nachteile von elektronischen Aus­stellungen?


‹Treibsand› - Vom Offspace zur Online-Institution


von: Eva Dietrich

  
Alaa Abu Asad · Untitled, Sheikh Jarrah (Jerusalem), 2012, und Mahdi, Taybeh (Palestine), 2012, Scan von Fotografie, Inkjet Print auf Büttenpapier, work in progress


Susann Wintsch kuratierte Ausstellungen zur Kunstszene Ex-Jugoslawiens (2003), Teherans (2007) und Istanbuls (2012) in Form von DVD-Magazinen. Seit Oktober 2016 kuratiert sie online den Kunstraum ‹Treibsand. Contemporary Art in Western Asia and Beyond›. Wer angesichts der ausgewählten Weltregionen und weiteren geplanten Projekten über aktuelle Kunst im Irak und in Afghanistan denkt, Susann Wintsch interessiere sich für dezidiert politische Kunst, liegt falsch. «Ich suche je länger je mehr nach Kunstwerken, die etwas erzählen», sagt sie und meint damit Kunst, die trotz politischer Widrigkeiten persönliche Visionen für ein Leben entwirft, das mehr ermöglichen soll als blosses Existieren und Reagieren.

Besonders deutlich wird Susann Wintschs Wunsch nach persönlichen Visionen und Geschichten in ihrer aktuellen Ausstellung ‹880 m ü. M. Zeitgenössische Kunst aus Palästina›. Sie findet physisch im Forum Schlossplatz Aarau und gleichzeitig online auf ‹Treibsand› statt. Im Titel versteckt sich die Geschichte der beiden Städte Ramallah und Jerusalem. Beide liegen auf 880 Metern über Meer, sind nur sechzehn Kilometer voneinander entfernt, aber durch eine Mauer voneinander getrennt. Wer in Ramallah lebt, sieht das Meer am Horizont, braucht jedoch eine Genehmigung, um ans Meer zu reisen. Dies macht das Mittelmeer zum Sehnsuchtsort, wie mehrere Arbeiten zeigen. Der in Ramallah lebende Künstler Wava Mar'i etwa hat das Fragment eines Liedes, das seine Mutter immer wieder sang und das vom Meer handelt, aufgenommen und sich auf die Suche nach dem ganzen Lied gemacht. Dabei fand er einen älteren Mann, der weitere Fragmente zu singen wusste, aber das Stück blieb unvollständig. Um es ganz zu machen, liess er es von einem Sänger und einer Sängerin vertonen und setzte die vier Stimmen zu einem Quartett zusammen, dessen Rhythmus wie die Wellen des Meeres die gesamte Ausstellung durchdringt und mit Sehnsucht erfüllt.

Suche nach Schönheit

Susann Wintsch ist Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste. Sie unterrichtet Kunsttheorie und Kunstgeschichte. Die Suche nach Geschichten, Visionen und nach Schönheit trotz schwieriger politischer Umstände treiben sie an. Sie standen auch am Anfang ihres ersten Ausstellungsprojekts. Ihr fiel auf, dass nach dem Jugoslawienkrieg viele Ausstellungen zur Kunstszene des sogenannten Balkans Arbeiten zeigten, die laut, verzweifelt, hysterisch und manchmal bazarartig überladen waren. Wintsch fragte sich, ob sich nicht auch poetische, visionäre oder formale Arbeiten hätten finden lassen, wenn man nicht vorrangig die Welt erklärende Kunstwerke gesucht hätte. Dazu kam, dass die Firma Tweaklab AG aus Basel sie anfragte, ob sie in einem Projekt das Potenzial des Mediums Video aufzeigen wolle. In den Achtzigerjahren hatte es viele Magazine auf VHS-Kassetten gegeben. Als DVDs auf den Markt kamen, verschwanden sie und Tweaklab wollte ihre Tradition mittels DVD reaktivieren und damit auch Videoarbeiten, die damals noch selten in Museen gezeigt wurden, zu mehr Präsenz verhelfen. Wintsch beschloss, mit der Künstlerin Milica Tomic aus Belgrad die Kunstszene Ex-Jugoslawiens mittels Video zu erforschen. Tweaklab filmte, Wintsch zeichnete für das inhaltliche Konzept, die Künstlerin vermittelte. Daraus entstand im Jahr 2003 ‹Compiler//01›, ein DVD-Magazin zur Kunstszene Ex-Jugoslawiens mit vielen Interviews von Kunstschaffenden, Kurator/innen und Betreiber/innen von Offspaces.

Die Resonanz auf das von aussen gesehen verschlossen wirkende Medium einer DVD-Scheibe war beeindruckend. Eine Einladung an die ‹Art› folgte, der «Tages-Anzeiger» schrieb über das Projekt und viele Institutionen und Bibliotheken bestellten das Magazin. Die Scheibe war der Boomerang für Einladungen zu Gesprächen und führte zu kleineren Ausstellungen, die immer mit Künstlergesprächen verbunden waren. Unabhängig von ‹Tweaklab› plante Wintsch unter dem Namen ‹Treibsand› weitere Projekte. Sie schätzte die komplette kuratorische Freiheit im Offspace und wurde nun auch Produzentin ihrer Treibsand-Magazine. Der Zusammenarbeit mit einer international bekannten Künstlerin oder einem Künstler, die oder der sich im Kunstgeschehen der jeweiligen Stadt auskennt, blieb sie treu. Zu den Vorteilen von DVDs zählt sie deren Handlichkeit. Sie konnten leicht verschickt werden und waren mittels Computer überall zugänglich. Zudem regten die Scheiben Diskussionen für ihre Folgeprojekte an und funktionierten als eigentliche Türöffner. Die Teheraner Kunstschaffenden wünschten sich eine ganz andere DVD als diejenige über Ex-Jugoslawien, die Istanbuler Kunstschaffenden identifizierten sich derart mit dem titelgebenden Zeitgefühl des Wartens in der Teheraner Edition ‹Analysing While Waiting (For Time To Pass)›, dass die Istanbuler Ausstellung den Titel ‹Keep On Keeping on/Devam Etmeya Devam: Contemporary Art in Istanbul› erhielt, weil sich die Istanbuler Kunstschaffenden immer wieder sagten, man müsse vorwärtsschauen.
Zum Potenzial von DVDs befragt, schmunzelt Wintsch und meint: «Früher dachte ich wenn ich achtzig bin, habe ich dreissig DVDs gemacht, aber DVDs sind ja schon heute ein Auslaufmodell. Heute denke ich, dass ‹Treibsand› eine Art Plattform für Videoarbeiten aus Gegenden werden könnte, die man aus Gründen politischer Ungewissheit oder Krieg nicht selbst bereisen kann.» Seit Oktober 2016 ist ‹Treibsand› online und Wintsch fühlt sich nicht länger als Offspace, sondern als Institution. Ihre Ausstellungen, Video-Essays, Interviews und Texte bieten ein visuelles Archiv für Gegenwartskunst und öffnen Türen für künstlerische Dialoge rund um die Welt.

Bis: 14.01.2018


‹Our Stories›, Screening von Treibsand und Compiler (Chantal Molleur), Stadtkino Basel, 14.12., 19:30



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen 880 m ü. M. – Zeitgenössische Kunst aus Palästina [21.10.17-14.01.18]
Institutionen Forum Schlossplatz [Aarau/Schweiz]
Autor/in Eva Dietrich
Link http://www.treibsand.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=171126194943ASS-3
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