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Fokus
12.2017


 Ich schreibe aus Kairo, der Stadt, in der ich schon seit bald drei Jahren lebe und die ich in dieser Zeit selten verlassen habe. Ich arbeite hier an einer Kulturinstitution, die vor 14 Jahren von einer Gruppe von lokalen Kultur- und Medienschaffenden gegründet wurde.


Kunstklima - Kairo


von: Andrea Thal

  
Lesung von Texten aus dem Workshop «A Geography for Beaten Heroes», CiC, Kairo, Sommer 2017


Anfangs habe ich Kairo kaum verlassen, weil ich es wichtig fand, mehr von der Stadt und dem Kontext zu verstehen und um Arbeitsweisen und Inhalte zu entwickeln, die an lokale Fragen und Debatten anschliessen. Kairo hält mich aber auch irgendwie fest und es gibt hier immer etwas zu tun. Der entscheidendste Grund, warum ich gerne hier bin, sind aber wohl die Personen, mit denen ich eng zusammenarbeite, unser gemeinsames Interesse an engagierter Kulturarbeit, kritischem Wissensaustausch und der Veränderung und Öffnung der Institution. Ich geniesse den manchmal ziemlich dunklen Humor und dass dem Zusammensein in Gruppen zentrale Bedeutung beigemessen wird - auch die Tatsache, dass Reibungen und Konflikte zum Alltag gehören und daraus gelernt werden kann.

In Kairo gibt es viele verschiedene Kunstszenen und einige Kunstschaffende bewegen sich durchaus in und zwischen mehreren. Der tendenziell ans Englische gebundene und immer noch vor allem westlich orientierte zeitgenössische Kunstkontext ist nur für einen kleinen Kreis zugänglich. Darum ist Vermittlung ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir versuchen fortlaufend, Kontakte nach aussen zu knüpfen, u.a. zu Personen aus dem Bereich des Films, der visuellen Kultur, der Fotografie, der Sozialgeschichte, aber auch zu Bloggern, Aktivist/innen und Schreibenden. Wir arbeiten zweisprachig, arabisch und englisch, wobei sich das Arabische in den gesprochenen lokalen Dialekt und das geschriebene Hocharabisch aufteilt. Ich spreche immer noch nicht fliessend arabisch, mir fehlt leider schlicht die Zeit, um schneller zu lernen. Aber ich verstehe mittlerweile recht viel. Mit einigen Personen am Arbeitsort rede ich vor allem englisch, mit anderen nur ägyptisch, bei gemeinsamen Treffen ist es ein Gemisch - ein bisschen wie in Biel.

Im Vergleich zur Schweiz fällt mir hier auf, wie wichtig informelle Bildungsgefässe sind. Viele Kunstschaffende besuchen Workshops an unterschiedlichen Orten, um weiter zu lernen, oder weil sie an Kunsthochschulen nicht unbedingt finden, was sie interessiert. Nur wenige können sich eine Ausbildung an den teuren amerikanischen oder deutschen Privathochschulen leisten, die sich mit möglichst «fortschrittlichen» Kunstbegriffen vermarkten. An den weit zugänglicheren staatlichen Hochschulen dagegen sind konzeptuelle oder recherchebasierte Ansätze und jüngere audio-visuelle Medien eher wenig vertreten. Informelle Kurse und Workshops sind daher gerade für Studierende von staatlichen Unis eine Möglichkeit, andere künstlerische Praxen auszuprobieren und andere Gespräche über Kunst zu führen. Auch persönliche Kontakte zu älteren Kunstschaffenden spielen eine wichtige Rolle. Deren Ateliers und Arbeitsräume sind teilweise Orte, an denen jüngere Kunstschaffende an ihren eigenen Sachen arbeiten können. Zugleich sind es Orte des Austauschs.

Wir reden derzeit häufig darüber, dass es immer weniger Räume gibt, in denen sich Gruppen versammeln und offen sprechen können oder in denen Kunst gezeigt wird. Gerade im Vergleich zu den Jahren direkt nach der Revolution. Repression ist spürbar. Dazu kommt, dass Ende letzten Jahres die lokale Währung die Hälfte ihres Werts verloren hat. Viele suchen nun nach einem Weg, das Land zu verlassen. Zunehmend werde ich nach Möglichkeiten gefragt, wie ein Atelieraufenthalt oder ein Studium in Europa finanziert werden können. Kontrollen, Bürokratie und Geldprobleme erschweren natürlich auch den Erhalt einer Institution. Einige Kunstorganisationen, unsere eingeschlossen, haben dies unter anderem durch Razzien erfahren müssen. Während sich Zensur und politische Einflussnahme auf die Kunst in der Schweiz kaum direkt zeigen und sich eher in Ignoranz äussern, machen sie sich hier unmittelbar bemerkbar. Das trägt wiederum dazu bei, dass Kulturarbeit hier irgendwie wirkungsmächtiger erscheint.

Andrea Thal (*1975) lebt in Kairo, wo sie den Kunstraum Contemporary Image Collective/CiC führt. Bis 2014 leitete sie den Projektraum Les Complices in Zürich.



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Ausgabe 12  2017
Autor/in Andrea Thal
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