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Besprechung
12.2017


Samuel Herzog :  Das Thema Grenze steht im Zentrum der 10. Biennale dell'imagine, die gegenwärtig in und um Chiasso rund dreissig Ausstellungen zu einem Gesamtpaket schnürt. Unter den Teilnehmern finden sich so unterschiedliche Künstler/innen wie die Fotografin Paola Di Bello oder Benetton-Werber Olivero Toscani.


Chiasso : Biennale dell'imagine - Borderlines. Città divise/Città plurali


  
links: Paola Di Bello · Al Limite, Chiasso-Ponte, 2017, Inkjetprint auf Fine Art Papier, 5 Ex. + 1 AP
rechts: Oliviero Toscani · Coperta (family), United Colors of Benetton A/I 1990-1991, Druck, 29,7x42 cm ©ProLittiers / Archivio Benetton


Chiasso - «Das sind bloss Geschenke für Freunde in Rom.» Ich bekomme heute noch heisse Ohren, wenn ich daran zurückdenke, wie mich die Agentin der ‹Guardia di Finanza› mit ihren grünen Augen durchleuchtete, nein durchstach. Sie hatte tizianrote Haare und bleiche Lippen. Unter anderen Umständen hätte ich sie eine Schönheit genannt, aber unter diesen Umständen war sie ein Problem. Denn sie hatte hundert Tafeln bester Schweizer Schokolade in meinem Rollkoffer entdeckt - Ware, die ich in Neapel mit einer kleinen Marge verkaufen wollte, um das Geld in gefälschte Markenshirts zu investieren, welche sich dann wiederum in meinem Basler Freundeskreis lukrativ veräussern liessen. Das war am Zoll von Chiasso, vor gut dreissig Jahren.

Wegen ein paar Tafeln Schokolade bekommt hier keiner mehr einen roten Kopf. Die Zöllner haben jetzt andere Probleme. Aber die Geschäfte sind noch da, die einst Schokolade, Uhren und Zigaretten verkauften, auch die Cambios und die kleinen Cafés, in denen man sich Mut antrinken konnte für den bevorstehenden Grenzübertritt. Noch kleben ihre Angebote in roten Lettern auf den Scheiben, die Räume dahinter aber stehen seit Jahren leer - «Staub» heissen die letzten Verkäufer und «Müll» die einzigen Kunden, die man hier noch antreffen kann. Nun aber hat sich in Chiasso eine Assoziation gebildet, die sich dieser verlassenen Lokale annimmt. ‹Frequenze› verhandelt mit den Besitzern/innen einzelner Geschäfte, bringt die Räume gratis in Ordnung und Schwung, darf sie dann ein paar Monate lang unentgeltlich für Kulturprojekte nutzen - und gibt sie hernach in renoviertem Zustand an die Eigentümer zurück. Gegenwärtig hat sich ‹Frequenze› in einer Bar und einem Kiosk eingerichtet, der keinen Steinwurf von der Zollstation entfernt ist. Hier zeigt die von der Stadt geförderte Organisation unter anderem eine Ausstellung mit Werken der Mailänder Fotografin Paola Di Bello.

Die Arbeiten, die sie für die Räume entwickelt hat, passen bestens zum Ort. Sie war mit ihrer Kamera im helvetischen Chiasso und im italienischen Ponte unterwegs, hat hüben wie drüben Hausfassaden fotografiert, nach formalen Analogien gesucht und die Bilder zu kleinen Diptychen zusammengesetzt, in denen eine durchgehende Linie die Verbindung schafft, quasi die Grenze überschreitet. Ausserdem hat sie zu Stillleben arrangiert, was man in Italien und in der Schweiz für fünf Euro beim Krämer, im Café oder am Kiosk kaufen kann. Auch diese Bilder stellt sie vergleichend zusammen- und man möchte seine helvetisch gebeutelte Geldbörse sofort nach Italien entsenden.
Die Ausstellung von Paola Di Bello ist Teil der ‹Biennale dell'imagine›, die gegenwärtig in grösseren und kleineren Institutionen vor allem in Chiasso und Lugano über die Bühne geht. Die Schau passt auch gut zum Generalthema dieser Biennale, die sich stets mit Fragen der Grenze beschäftigt hat und ihre 10. Ausgabe unter dem Titel ‹Borderlines - Città divise/Città plurali› stattfinden lässt. Und die 5-Euro-Bilder erinnern mich natürlich auch ein wenig an den kleinen Dreieckshandel, mit dem ich meine ersten Reisen finanzierte.

Quasi das Gegenteil dieses bescheidenen, mehrheitlich von Arbeitslosen zum Laufen gebrachten Projekts an der Grenze zu Italien stellt die Ausstellung von Oliviero Toscani im m.a.x. Museum in Chiasso dar, die ebenfalls Teil der Biennale ist. Die Kuratoren haben frühe Fotografien ausgegraben, die noch während Toscanis Zeit an der Kunstgewerbeschule in Zürich entstanden sind und doch schon den typischen Blick zeigen, den der Modefotograf später mit so viel Erfolg auf die Welt werfen wird. Ein paar lustige Collagen aus derselben Zeit sind als Abschlussaufgaben für die Schule entstanden. Die Schau zeigt auch Originalausgaben der gleichermassen ästhetisch wie sozial und politisch engagierten Zeitschrift Colors, die Toscani von 1991 bis 2000 leitete. Natürlich fehlen auch die provokativen Plakate nicht, die der Fotograf für Benetton schuf und die regelmässig für Kontroversen sorgten. Erinnert sei etwa an das Bild des sterbenden Aidskranken David Kirby oder der blutgetränkten Uniform eines erschossenen Soldaten aus dem Bosnienkrieg, die beide als Plakate für Benetton herhalten mussten - und bei allem Kommerz wohl doch mehr waren als nur Werbung für Pullöverchen. Leider haben sich die Kuratoren von Toscani auch dazu überreden lassen, vier grosse Videokojen («Camera obscura» genannt) einzurichten, in denen der überfleissige Werber und beherzte Citoyen uns im Grossformat und im Stalinorgeltakt mit annähernd 30'000 Bildern, Werbekampagnen, Clips, Interviews etc. beschiesst. Eine solche Bestäubungskammer unserer Netzhaut wäre wahrlich ausreichend gewesen.

Auch Toscani passt mit seinem Hang zum «Grenzwertigen», wie man so schön sagt, bestens zum Thema der Biennale. Und natürlich kommen mir bei so viel Benetton auch hier immer wieder Bilder jener Tage hoch, an denen ich mit falschen Markenshirts durch Europa reiste. Es war eine gute Zeit, damals, denn man konnte sich mit einem Koffer voller Schokolade noch so richtig schuldig machen.


Bis: 10.12.2018


‹Borderlines. Città divise/Città plurali. 10. Biennale dell'imagine›, diverse Orte in Chiasso, Lugano, Ligornetto, Mendrisio, Capolago, Morbio Inferiore, Bruzella, Giubiasco, Porza und Balerna



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Ausgabe 12  2017
Autor/in Samuel Herzog
Link http://biennaleimmagine.ch
Link www.centroculturalechiasso.ch
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