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Besprechung
12.2017


Gabriele Lutz :  Ein nomadisches Leben, dokumentierend und forschend unterwegs sein, mit einem Atelier mal hier mal da, in einer internationalen Metropole oder am Rand der Welt - das alles prägt heute manche Künstlerbiografie. Zur Zeit von Alice Boner, die sich in Indien niederliess, war das ungewöhnlich.


Zürich : Alice Boner - Künstlerin, Indologin und Kulturbotschafterin


  
Alice Boner ·Uday Shankar am Tanzen, Zürich, 1926, Museum Rietberg Zürich, Legat Alice Boner


Die grossbürgerliche Herkunft ermöglichte der Schweizerin Alice Boner (1889, Legnano - 1981, Zürich) die Ausbildung als Bildhauerin und früh, schon 1916, konnte sie im Kunsthaus Zürich ausstellen. Entscheidend für ihr weiteres Leben wurde die Begegnung mit dem indischen Tänzer Uday Shankar (dem grossen Bruder des Musikers Ravi Shankar), den sie bei einer Performance kennenlernte. Sie lud ihn ins Atelier ein und bat ihn, für sie zu tanzen. Anlässlich dieser für die damalige Zeit unkonventionellen Aufforderung entstanden Fotografien und Skizzen, die sie in einer Plastik umsetzte. 1930 reiste sie mit Shankar, dessen Truppe sie für einige Jahre finanziell unterstützte, nach Indien und liess sich schliesslich 1936 in Varanasi nieder, wo sie direkt am Ganges ein Haus bezog: «Dieses Haus ist eine merkwürdig beruhigende und aufregende Angelegenheit. Ich fühle mich darin eingekehrt in mir selber, in meinem Haus, meiner Heimat.» Hier begann sie ihre vielfältigen Tätigkeiten zu entfalten: Die Terrasse des Hauses bestimmte sie zur Bühne für indische Musiker. Sie engagierte sich für das klassische Kathakali-Theater, das damals in Vergessenheit zu geraten drohte und das sie, in seiner Verbindung von Malerei, Tanz und Theater, als Gesamtkunstwerk verstand. Nach längerem Unterbruch fand Boner zurück zur eigenen künstlerischen Arbeit und wandte sich der Malerei zu. Ihre Motive fand sie in der unmittelbaren Umgebung: Menschen bei ihren alltäglichen Beschäftigungen oder bei einem festlichen Tempelbesuch. Kunsthistorisch höchst engagiert, publizierte sie Bücher zur Ikonometrie hinduistischer Kunstwerke und schon in jungen Jahren begann sie zu fotografieren. Auf ihren Reisen hatte sie stets ihre Exakta-Fotokamera dabei. So entstand 1926 auf einer Marokko-Reise das Foto eines Mannes, der ein Kalb auf den Schultern trägt. Das Bild mit Assoziation an die christliche Ikonografie setzte sie in die Plastik ‹Kalbträger›, 1926, um, die heute im Rieterpark steht. Fotografien dienten Boner als Vorlagen für ihre Arbeit und sie sind auch wichtige zeitgeschichtliche Dokumente. Von der Dachterrasse fotografierte sie nach der Ermordung Gandhis 1948 die riesige Menschenmenge, die sich am Ganges versammelte.
Alice Boners fotografischer und in den letzten Jahren aufgearbeiteter Nachlass umfasst um 30'000 Bilder. Das Museum Rietberg zeigt ihn zusammen mit ihrem schriftlichen und künstlerischen Nachlass - eine kleine exquisite Ausstellung, welche die Fotografien auch in Bezug zu ihrem künstlerischen Schaffen setzt.

Bis: 14.01.2018


Die Park-Villa Rieter zeigt gleichzeitig indische Miniaturen aus der Sammlung von Alice Boner; mit Publikation



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Alice Boner in Indien [23.09.17-14.01.18]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Gabriele Lutz
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