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Besprechung
12.2017


Philipp Spillmann :  Spätestens seit er die Kuppeldecke des UNO-Menschenrechtssaals in Genf in ein Stalaktiten-Meer aus 35'000 Liter Farbe verwandelte, ist Miquel Barceló einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In der Galerie Tobias Müller Modern Art in Zürich zeigt der mallorquinische Künstler seine neuste Werkserie.


Zürich : Miquel Barceló - Arena der Farbe


  
Miquel Barceló · Toro con Banderillas, 2015-2016, Mixed media on canvas, 236x285 cm; Bild rechts: Manoletina, 2016, Mixed media on canvas, 118x96 cm ©Pro Litteris. Foto: François Halard


lättert man durch die zahlreichen Kataloge, die in der Galerie Tobias Müller Modern Art aufliegen, stösst man in Miquel Barceló auf einen Maler, der ebenso Performer ist: Man sieht ihn mit einem Feuerwehrschlauch hektoliterweise Farbe herumspritzen, man sieht, wie er eingetrocknete Farbschichten maschinell aufsägt, und man sieht Malereien, die den Kraftakt wiedergeben, aus dem sie hervorgegangen sind. Sie bestehen aus dicken Schichten verschiedenster Farbmaterialien. Aus Rillen, Kuppen, Bergen und Tälern von Farbe - Farbe, die über den Rand gelaufen und zu dicken Klumpen getrocknet ist. Man sieht aber auch Motive, oder zumindest einige vage Formen, die entfernt an ein Motiv erinnern. In Barcelós neuster Ausstellung ‹El Planeta de los Toros› erkennt man vor allem ein Motiv: den Stierkampf.
Barceló zeigt ihn vorwiegend in weissen und roten Tönen, aus weiter Ferne und ohne Zuschauer. Er zeigt verschiedene Momente vom Ablauf des Kampfs, vom Betreten der Arena bis zum aufgespiessten, kaum noch stehenden Tier. Die Handlung tritt in den meisten Bildern in den Hintergrund: Sie spielt sich am Rand ab oder sogar ausserhalb des Bildes, oder sie schrumpft zu einem kleinen Ausschnitt zusammen, der in der Weite der Arena fast verloren geht. Es gibt keine heroische Inszenierung des Matadors, keine blutgetränkte Tötungsszene und keine jubelnde Menge, die im Rausch das Gemetzel antreibt. Vielmehr gibt es eine Art Gespür, das dem Todesspiel nacheifert: So stellen die Kerben, die Barceló in sein Bild ritzt, Spiesse dar, die sich in den gemalten Stier bohren. Überhaupt ist der Stier auf der Bildfläche gerade noch ikonisch zu erkennen, als eine vage geformte schwarze Fläche, die von einem leuchtgelben Bildraum umrahmt wird, der sich in ihn hineinzufressen scheint. Auf der anderen Seite gleichen sich die kräftigen Farbwischer, mit denen Barceló den Boden der Arena abbildet, metaphorisch den Spuren im Sand an, die während des echten Kampfs entstehen. Die Leinwand wird selbst zur Arena, auf der ein Kampf ausgetragen wird: ein Kampf mit der Darstellung - ein spielerischer Kampf zwar, aber doch ein Kampf. Kurz: Es geht in den Bildern nicht um die Repräsentation von Gewalt, sondern um ihr malerisches Nachempfinden. Der eigentliche Kampf wird abstrahiert, während im Zentrum der Bilder eine Malerei steht, die der Gewalt leidenschaftlich nachspürt, die sie thematisiert. Der Heros des Stierkampfs kehrt in neuem Gewand zurück.

Bis: 02.02.2018



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Miquel Barceló [13.10.17-02.02.18]
Institutionen Tobias Mueller Modern Art AG [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Miquel Barceló
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