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Besprechung
12.2017


Philipp Spillmann :  Marguerite Humeau kreiert in ihrer künstlerischen Praxis Orchester ausgestorbener Lebewesen, sich verliebende Roboter und Konzepte zur Kommunikation mit Ausserirdischen. Im Museum Konstruktiv zeigt die Trägerin des diesjährigen Zurich Art Prize ihre neusten Werke.


Zürich : Marguerite Humeau - Bedrohliche Rätsel


  
Marguerite Humeau · Riddles (Final Beats), oben: Otto, 2017; unten: Digital Desert, 2017, Installationsansicht Museum Haus Konstruktiv, Courtesy Clearing, New York / Brussels


In den Arbeiten Marguerite Humeaus (*1986) mischt sich wissenschaftliche Forschung mit philosophischer Spekulation. Mit bizarr anmutenden Skulpturen und komplexen Installationen befasst sie sich immer wieder mit unserer evolutionären Vergangenheit, die sie stets mit unseren heutigen technologischen Lebensrealitäten in Beziehung setzt. Im Museum Haus Konstruktiv thematisiert sie mit ihrer Ausstellung die kulturgeschichtliche Figur der Sphinx.
Die Sphinx, eine Kreatur mit Löwenkörper und Menschenkopf, lässt sich Humeaus Recherchen zufolge schon vor 35'000 Jahren nachweisen. Verschiedenste Kulturen sprachen ihr Schutzfunktion zu. Sie erscheint mitunter als Orakel, das durch seine Voraussagen in gewissem Sinne über Leben und Tod waltet. Humeau liest die Sphinx ausgehend von dieser ambivalenten Rolle und sieht in den modernen Überwachungssystemen deren zeitgenössische Aktualisierung.
Im Museum Haus Konstruktiv erscheint die Sphinx zunächst als Skulptur mit dem Titel ‹Sphinx Otto›. Sie lauert im Erdgeschoss und besteht aus einem Löwenkopf, dessen Rumpf in zwei Vogelklauen mündet und der von zwei kraftvoll aufgeschlagenen Flügeln flankiert wird. Äusserlich handelt es sich bei der Skulptur also nicht um eine Sphinx. Allerdings ist sie mit einer Schicht künstlicher menschlicher Haut überzogen, die mit «anti-menschlichen», giftigen Pigmenten bemalt wurde. Hier mischt sich ganz unsichtbar die Nachahmung von Menschlichem mit der Bedrohung menschlichen Lebens. So schreibt Humeau der Sphinx eine ambivalente Rolle zu: Als ein quasi menschliches und zugleich den Menschen gefährdendes Wesen.
Auch einen Stock höher stossen wir auf eine «unsichtbare» Sphinx - in einer Camouflage-Fläche, die als «anti-humane» Tarnung für «zeitgenössische Sphinxen» dienen soll, damit diese sich vor dem menschlichen Auge verbergen können. Der Wandschirm steht in einem blutroten Raum, der als imaginäre Grabstätte fungiert. Das Menschliche erscheint lediglich noch als Überrest, als Knochenmehl, mit dem herumliegende Sitzkissen gefüllt sind, und als virtueller Chor, der aus 108 Milliarden Stimmen besteht - die Zahl entspricht der geschätzten Menge aller Menschen, die bisher gelebt haben. Stellt sich die Frage: Was geschieht, wenn die ominösen Sphinxe merken, dass sie den Menschen längst überlegen sind?

Bis: 14.01.2018



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Marguerite Humeau [26.10.17-14.01.18]
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Marguerite Humeau
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