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12.2017




Digitale Kunst/Ubermorgen.com, Vote Auction, 2000


von: Raffael Dörig

  
Ubermorgen.com · Vote Auction, 2000, Screenshot


Vor einem Jahr wurde Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt. Viel wurde seither spekuliert über die Rolle des Internets bei dieser Wahl. Wie entscheidend war der Einfluss auf die Meinungsbildung mittels extrem gezielter Werbung auf Social Media? Wer bezahlte für diese Werbung, die Russen? Welche Rolle spielten nihilistische Subkulturen auf 4chan oder Reddit, die nach rechts kippten, und ihre Memes? Und was ist mit Clintons E-Mails und den gehackten Konten demokratischer Parteifunktionär/innen?
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ist es interessant, den Blick auf einen Netzkunstklassiker zu werfen, der um die US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 entstand. Das österreichisch-schweizerische Künstlerpaar Ubermorgen.com übernahm damals eine Webseite des Studenten James Baumgartner, die vorgab, eine Plattform für den Verkauf und Kauf von Stimmen zu sein. War Baumgartners Seite noch relativ klar als Satire erkennbar, spitzten Ubermorgen.com das Projekt zu und gaben sich als europäische Geschäftsleute aus, die einen neuen Markt testen. Im Verlauf der nächsten Monate erschienen 1800 Presseartikel. Als Krönung widmete sich eine halbstündige Sendung auf CNN dem Projekt.
Gleichzeitig liefen mehrere Gerichtsverfahren gegen Ubermorgen.com. Die meisten wurden eingestellt, nachdem die Gruppe am Tag der Wahl öffentlich gemacht hatte, dass es sich um ein künstlerisches Experiment handelte und keine Namen und Kontaktdaten der Verkaufs- oder Kaufwilligen gespeichert wurden. Einige der Verfahren liefen trotzdem weiter und hatten eine fünfjährige Einreisesperre zur Folge, neben mehreren zehntausend Dollar Kosten, welche die Künstler in den Bankrott trieben.
Die Seite war simpel programmiert. Genau hingeschaut, ob es auch wirklich funktioniert, hat damals niemand. Es wäre auch nicht die erste Firma in dieser ersten Dotcom-Boom-Ära gewesen, die leere Versprechungen machte (und viele weitere folgten, bis heute). Der Anspruch, immer neue Felder und Branchen umzupflügen, das Credo der Disruption, macht heute vor kaum mehr etwas halt. Die im Slogan von ‹Vote Auction›, «bringing democracy and capitalism closer together», parodierte Erschliessung der Governance als Geschäftsfeld könnte bald eintreten. Einerseits birgt die enorme Konzentration von Information und Aufmerksamkeit bei kommerziellen Akteuren wie Google oder Facebook Gefahren für die Meinungsbildung. Andererseits arbeiten anarchokapitalistische Silicon Valley-Milliardäre an kommerziellen Alternativen zu Nationalstaaten in extraterritorialen Zonen auf dem Meer.
Vorgeschlagen von: Raffael Dörig



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Ausgabe 12  2017
Autor/in Raffael Dörig
Link http://www.vote-auction.net
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