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Besprechung
12.2017


Feli Schindler :  Blicke sagen alles. Unter dem Titel ‹Die Augen der Bilder› lässt uns die Langmatt anhand von über siebzig Porträts aus vier Jahrhunderten darauf vertrauen, dass die Malerei im digitalen Zeitalter Instagram überdauert. Slow Art im Museum sozusagen anstatt Snapshots im Netz. Do not delete!


Baden : Die Augen der Bilder - Gemalte Porträts


  
Marlene Dumas · Dora Maar, 2008, Öl auf Leinwand, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen


32 Röhrchen mit abgezapftem Blut hängen aufgereiht wie Spielsoldaten im Obergeschoss der Badener Villa Langmatt. Die junge Schaffhauser Manor-Kunstpreisträgerin Alexandra Meyer, bekannt unter anderem für ihre aus eigenem Serum produzierten Blutwürste, hat Freunden je 2,7 Milliliter Blut abgenommen und die Vacuröhrchen fein säuberlich angeschrieben: ­Pipilotti Rist, San Keller, Lex Vögtli, Olaf Breuning oder Markus Stegmann heissen die prominenten Blutspender aus der Kunstszene. Die DNA des Langmattdirektors und seiner Leidensgenossen wäre im medizinischen Labor natürlich klar zu unterscheiden. In dieser extrem abstrahierten Form des Porträts gibt die Arbeit zu verstehen, dass wir Menschenkinder - kreatives Erbgut hin oder her - am Ende doch alle gleich ausschauen.
«Öl hält länger als Blut», schreibt Markus Stegmann im Katalog zu Renoirs Paar in ‹Die Loge› und tritt mit rund achtzig Exponaten den Beweis an: Malerei überdauert die Toten. Die vielen Arbeiten - teilweise etwas gar bunt gemischt und spärlich erläutert - stammen von Künstlern/innen der Gegenwart, von den Impressionisten des Hauses und von Auftragsmalern der Familie Brown. Nebst Renoirs einzigartigen Bildnissen, etwa dem ikonenhaften ‹Der Zopf›, entfalten vor allem Uwe Wittwer und Marlene Dumas beeindruckende Präsenz. Sowohl der Zürcher als auch die bekannte Künstlerin aus Amsterdam arbeiten oft nach fotografischen Vorlagen und entwickeln daraus neue, gemalte Porträts. Gespenstisch schauen einen Wittwers blasse Schwestern vor verschwommen aquarellierter Landschaft an, als wären sie unruhige Seelen der Vergangenheit. Verletzte und verletzliche Menschen bildet auch die in Südafrika aufgewachsene Dumas ab. In Baden erweist sie Dora Maar, der unglücklichen Geliebten Picassos, eine wunderbare Hommage. Grosse Kunst, wer den klaren Fotografenblick der berühmten Französin auf diese Weise einfängt und mit einer kräftig gezogenen schwarzen Linie dennoch ein feines Lächeln auf das Antlitz zaubert. Wie streng erscheinen dagegen die geschürzten Lippen und das hochgeschlossene Kleid der Industriellengattin Jenny Brown auf einem grossformatigen Repräsentationsgemälde. Und wie beflissen brav wirkt ihr lesender Junge John im Garten der Langmatt. Status galt alles. Und heute? Wir bestimmen auf Instagram selbst, wie wir dargestellt sein wollen. Ob das länger hält als Blut und Öl? Eine rhetorische Frage.

Bis: 10.12.2017



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Die Augen der Bilder [17.09.17-10.12.17]
Institutionen Museum Langmatt [Baden/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
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