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Besprechung
12.2017


Heidi Brunnschweiler :  Wie kann Kunst nach dem Menschenzeitalter aussehen, scheint Sharyar Nashat mit seiner Präsentation in der Kunsthalle Basel zu fragen. Die opulenten Avataren von Ed Atkins sind einem Bildflimmern und minimalistischen Spuren gewichen. Die Kunst scheint sich mit ihrem eigenen Sterben zu beschäftigen.


Basel : Sharyar Nashat - The Cold Horizontals


  
links: Shahryar Nashat · Image Is an Orphan, 2017, Installationsansicht Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger
rechts: Shahryar Nashat · The Cold Horizontals, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger


Den Menschen durch Technik als Kunstwerk zu perfektionieren und unsterblich zu machen, schwebte den Biokosmisten, einer Gruppe von russischen Anarchisten, vor hundert Jahren vor. Kasimir Malewitsch wollte mit den schwebenden Quadraten eine solche neue Existenzform andeuten. Im Zeitalter des Posthumanismus sind diese Ideen wieder aktuell. Mit Requisiten und einer Unschärfe-Ästhetik greift der Schweizer Künstler alte Darstellungsformen auf. Er gibt ihnen durch eine luzide Ästhetik und neue Materialien eine zeitgenössische Erscheinung. So verweisen beispielsweise minimalistische blutrote Glasfaser-Skulpturen, die auf kleinen rosafarbenen Kuben aus Polymer schweben, als Leichentische oder Totenbahren auf zurückgelassene Körper. Schranken und Körperhülsen sind als Props um ein virtuelles Bildfenster arrangiert. Die Ausstellung zeigt sich so als verlassene, kalte Bühne, die eine Passage in einen anderen Raum markiert, der sich der Darstellung entzieht.
Das zentrale Video ‹Image is an Orphan›, 2017, untersucht das Posthumane als neues Verhältnis von Bild, Körper und Nachwirkung. Die als Raster arrangierten Bildschirme wirken wie virtuelle Glasmalerei aus einem zeitgenössischen Kirchenfenster. Hauptfigur in diesem Endspiel ist das offenbar lebensmüde Bild, das als synthetisierte Frauenstimme unablässig fragt, wie es sterben wird und wer seine Nachwirkung spürt. Die Sehnsucht, die Grenze zum Tod zu überschreiten und als körperloses Bild ins Posthumane einzugehen, wird durch die schnelle Wiederholung von gefundenen Dokumentarbildern betont: Junge Menschen springen durch Tore, stürzen von Wänden oder erschlagen einander. Die schwarz-weisse Unschärfeästhetik erinnert an Gerhard Richters abgemalte Pressefotos. Richter malte Bilder von Unglücksfällen, um das Unsinnige des Todes auszudrücken. Bei Nashat wirken diese Motive als Todesverlangen, als Begehren, die Schwelle zum Nachkörperlichen zu übertreten. Auf den ersehnten Exit verweist auch ein elektrischer Stuhl. Nashat verwandelt dieses Warhol Zitat durch überlagernde Farbeeffekte in Wellengestalten, die zukünftige körperlose und intelligente Erscheinungen suggerieren.
Die barocke Leiblichkeit der betrunkenen Avatare von Ed Adkins ist bei Nashat einer von sphärischen Elektrotönen unterlegten flimmernden Leere gewichen. Der Mensch als bildliche Körpererscheinung scheint sich im neuen Zeitalter abzuschaffen und der Vision der Biokosmisten von abstrakten Kunstgestalten anzugleichen. Das Bild als Ausdruck von neuronalen Strukturen im menschlichen Verstand scheint mit dem Eintritt ins Posthumane hinfällig.

Bis: 07.01.2018



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Shahryar Nashat [29.09.17-07.01.18]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Shahryar Nashat
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