Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
12.2017




Aarau : Back to Paradise


von: Feli Schindler

  
links: Max Pechstein · Liegendes Mädchen 1910, Öl auf Leinwand. Legat Häuptli ©ProLitteris
rechts: Ernst Ludwig Kirchner · Künstlergruppe (Unterhaltung der Künstler), 1913 (datiert 1912), Öl auf Leinwand. Courtesy Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch Tübingen. Foto: Achim Kukulies


Man steigt im Aargauer Kunsthaus gleich über die Rundtreppe hoch ins Elysium, wo sich unter dem Titel ‹Back to Paradise› (Kurator: Thomas Schmutz) die deutschen Expressionisten ausbreiten, allen voran der selbsternannte «Primus inter Pares» Ludwig Kirchner mit seiner ‹Künstlergruppe› von 1913. Der elegante Künstler unterhält sich darauf mit ebenso gelbtonigen wie langbeinigen Schönheiten, die eher der Kategorie Modell denn Künstlerin anzurechnen sind. Nach Malerinnen hält man in Aarau vergeblich Ausschau. Frauen posieren bei den Expressionisten als Freundin, Hure, Muse, Badende, Mutter oder Kindfrau. Fast lolitamässig lasziv präsentiert sich etwa Max Pechsteins berühmtes liegendes Mädchen mit rotem Kussmund und Ringelpullover - grossartig trotz allem und das Juwel der Aarauer Sammlung Häuptli. Auf dem Holzschnitt ‹Rauchender Schweizer› thematisiert derselbe Künstler mit modernem Strich alte Mythen: Ein bärtiger Mann mit Hut und Pfeife guckt einem aus tiefblauen Augen entgegen. Keck ringelt sich der Rauch am rechten Bildrand empor, während ein kantiger Berg im Hintergrund von der Rauheit der Bergler kündet. Sehnsucht des Grossstädters nach dem alpinen Paradies? Dass der Berliner auch anders kann, zeigt die ‹Rauchende›, eine Frau mit Kurzhaarschnitt, Hand am Kinn und Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger - selbstbewusst und urban. Ja, es wird viel geraucht bei den Expressionisten, aber vor allem werden getreu dem Manifest der Brücke-Künstler der schnelle Strich, die Freiheit in der Natur und die grellen, schwarz konturierten Farben und Formen gepflegt. Erich Heckel - abgebildet als mannshoher Städter von seinem Freund Kirchner, Karl Schmidt Rottluff, Otto Mueller und Emil Nolde - mit dem aus der Sammlung Osthaus Museum Hagen stammenden Gemälde ‹Steigende Wolken› (eine Wucht!), zeugen von der Grossartigkeit der 1905 gegründeten und später heillos zerstrittenen ‹Brücke›. Der jüngeren Schweizer Expressionistengruppe ‹Rot-Blau› - eindrucksvoll das Selbstbildnis des todkranken Hermann Scherer - wird viel Respekt gezollt. Und am Ende des Rundgangs freut man sich mit Paul Camenischs Brautpaar über dessen Emanzipation von Kirchner und weint beim Anblick des ‹Wanderers› über die in allen Fasern des Körpers und der Landschaft spürbare Zerrissenheit des grossen Davosers. Suizid war wohl das Letzte, das sich die jungen Wilden unter dem Paradies vorgestellt hatten.

Bis: 03.12.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Back to Paradise [16.12.17-08.04.18]
Institutionen Museum Georg Schäfer [Schweinfurt/Deutschland]
Autor/in Feli Schindler
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1711262257137VH-25
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.