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Hinweis
12.2017




Berlin : Willem de Rooij - ‹Whiteout›


von: Miriam Wiesel

  
links: Jeroen de Rijke / Willem de Rooij · Blue Table, 2004. Willem de Rooij, Blue to Blue, 2012 (hinten); Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, 2017. Foto: Frank Sperling
rechts: Willem de Rooij · Ilulissat, 2014, (production still), Courtesy Galerie Buchholz, Berlin, Chantal Crousel, Paris, Friedrich Petzel New York, Regen Projects, Los Angeles


Nicht umsonst trägt die konzentrierte Ausstellung des Niederländers Willem de Rooij den Titel ‹Whiteout›. Es ist ein besonders in Polargebieten zu beobachtendes meteorologisches Phänomen, das aufgrund von Kontrastverringerung eine Desorientierung zur Folge hat und die Schärfung sämtlicher Sinne verlangt.
Während draussen das Sturmtief Xavier tobt, umkreist drinnen die Kamera den Eisberg in der Bucht von Ilulissat. Nichts ist zu hören ausser dem Rattern des Projektors. Leicht schwankt das Boot mit der Kamera, im Vordergrund treibt Eis auf dunklem Wasser. Über der tiefen Horizontlinie türmt sich der Eisberg wie ein gefallener Riese.
Der 16-mm-Film ‹I'm Coming Home in Forty Days› ist eine Gemeinschaftsarbeit von Jeroen de Rijke (1970-2006) und Willem de Rooij (*1969, Beverwijk), die 1997 erstmals nach Grönland reisten. Von de Rijke/de Rooij stammt auch die gleichnamige Fotografie, stellvertretend für die gesamte Arbeit und später als Pressebild eingesetzt: ein monochromes Blau. In der Wiedergabe der verschiedenen Medien fallen die material- und druckbedingten Farbabweichungen auf, wie man anhand einer Reihe von Reproduktionen in Kunstzeitschriften, darunter das Kunstbulletin (11/2000), in der Vitrine ‹Blue Table›, 2004, sehen kann. Jahre später, unterdessen ist der Partner von de Rooij verstorben, nimmt die Wandarbeit ‹Blue to Blue›, 2012, das Spiel der Farben noch einmal auf: zehn Fäden in verschiedenen Blautönen teppichartig verwoben, die schon aus kurzer Distanz zu einem diffusen Blau verschwimmen.
Die Soundinstallation ‹Ilulissat›, die der seit 2006 an der Städelschule in Frankfurt unterrichtende Willem de Rooij 2014 bei einer erneuten Reise nach Grönland realisiert hat, lässt mich ins Halbdunkel der polaren Weite eintauchen. Die Augen geschlossen, höre ich dem aus verschiedenen Ecken kommenden Geheul der Schlittenhunde zu: Ansingen gegen die Einsamkeit, eine nichtmenschliche Sprache, die ich intuitiv verstehe.
Nachdem ich am selben Nachmittag im Vorderhaus der KW einem internationalen Workshop über Kunst und Gentrifizierung beiwohnen durfte - Künstler/innen sind Täter und Opfer zugleich, keine Gentrifizierung ohne Verdrängung -, beschert mir die Ausstellung im Hinterhaus eine existenzielle Erfahrung. Und dann gehe ich hinaus auf die mir einst so lieb gewesene Auguststrasse, vorbei an Touristencafés und Boutiquen, deren Dichte mit der Windstärke bei jedem Schritt zuzunehmen scheint. Der Eisberg in Ilulissat, heisst es, sei inzwischen geschmolzen und der Wind of Change hat die Strassen in Mitte leer gefegt.

Bis: 07.01.2018



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Willem de Rooij [14.09.17-07.01.18]
Institutionen KW Institute for Contemporary Art [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Willem de Rooij
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