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12.2017




München : Hisako Inoue


von: Roberta, De Righi

  
Hisako Inoue · Die Bibliothek der Gerüche. Foto: Nikolaus Steglich


Homers ‹Ilias› riecht nach «Mentholbonbons und jugendlichem Schweiss», das Alte Testament wie der «Keller einer alten Burg», Wagners «Siegfried» nach dem «Abbrennen von Weihrauch im Tempel» und das Groschenheftchen «Der Landser» wie ein «modisch gestylter älterer Herr». Diese Assoziationen hatte jedenfalls die japanische Künstlerin Hisako Inoue (*1974), die in Antiquariaten wochenlang auf der Suche - nicht nach guten, sondern nach interessant riechenden - Büchern herumschnüffelte und jetzt eine Auswahl von 22 alten Schwarten unter dem Titel «Bibliothek der Gerüche» in den historischen Räumen der Münchner Villa Stuck ausstellt.
Inoue interessiert sich für den Zusammenhang von Geruch und Gedächtnis, den sogenannten «Proust-Effekt». Man muss aber nicht ‹Auf der Suche nach der verlorenen Zeit› gelesen haben, um zu merken, welch intensive Erinnerungen olfaktorische Reize auslösen können. Dass in Japan einerseits natürliche Gerüche gar Gegenstand einer «Duftzeremonie» - genannt Kōdō, Weg des Dufts -, andererseits manipulativ angewandte künstliche Düfte noch allgegenwärtiger als hierzulande sind, trug auch zu Inoues Sensibilisierung bei. Und der Bestand öffentlicher Bibliotheken wird dort nicht nur regelmässig desinfiziert, sondern auch desodoriert.
Im Rahmen der Ausstellungsreihe ‹Ricochet› präsentiert Kuratorin Anne Marr nun Inoues Auswahl in Stucks einstigem Speisesaal unter gläsernen Käseglocken und lädt ein, die Bücher haptisch zu begreifen und quasi mit der Nase zu lesen. Dabei sind diese für Hisako Inoue auch Sinnbild «gelebten Lebens», vor dem Hintergrund des Glaubens an eine animistischen Beseeltheit von Alltagsobjekten, wie er in Japan Tradition hat.
Damit das Schnüffeln von Lesestoff kein subjektives Vergnügen bleibt, wurden alle Düfte im Labor analysiert und in 18 Bestandteile zerlegt - von floral bis fischig, von erdig bis sauer, von rauchig bis vanillig. Die Intensität der Komponenten wird neben jedem Buch auf einer Skala von 1 bis 10 angezeigt. Passenderweise im Boudoir des Malerfürsten werden diese ausserdem in Apothekerfläschchen einzeln dargeboten, darunter Kampfer, Essigsäure und Thymol. Und beim Selbstversuch stellt sich heraus, dass Riechen im Museum doch wesentlich anstrengender als Schauen ist: Jeder Geruch wirkt nach kurzer Zeit derart intensiv, dass man sich die sofortige Neutralisierung wünscht: Nichts für schwache Nasen.

Bis: 14.01.2018



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Hisako Inoue [07.10.17-14.01.18]
Institutionen Villa Stuck [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Hisako Inoue
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