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12.2017




Paris : Agnès Geoffray


von: Irene Müller

  
links: Agnès Geoffray · aus der Serie: Incidental Gestures, 2012, Ink-Jet Print
rechts: Agnès Geoffray · La volée, 2014, Diaprojektion


Zuerst sollte man sich den Titel der von J. Emil Sennewald in Dialog mit der Künstlerin entwickelten Ausstellung auf der Zunge zergehen lassen: ‹Before the eye lid's laid›. Beschreibt er doch, über die unmittelbar leiblich-phänomenologischen Assoziationen hinaus, einen Moment der Bildentstehung, des Werdens von Bildern im Ereignis des Sehens. Geoffrays untersucht in ihren Fotografien, Video- und Text-Arbeiten nicht nur den Bild-Akt an sich, sondern auch Möglichkeiten der Verräumlichung von Bildern, die sensorische Ausweitung des Visuellen und die körperliche Affiziertheit, die sich beim Betrachten von bildlichen Artefakten einstellt. In den ‹Incidental Gestures›, 2012, mündet dieses Interesse in Arbeiten mit historischem Bildmaterial, das die Künstlerin subtil, doch präzise retuschiert, sodass sich Inhalt und Aussage verändern. Von diesen, mit den Worten Walter Benjamins «im Stand der Ähnlichkeit entstellten» Bildern geht eine Faszination aus, die zwischen apparatischer Registrierung und künstlerischer Geste des Eingriffs oszilliert. Zugleich offenbart sich in den Fotografien auch das medientheoretisch inhärente Potenzial von Verletzung, von visueller Versehrtheit bzw. Durchdringung, das die fotografische Repräsentation von Realität ebenso auf die Probe stellt wie deren fiktionale Inszenierung.
Inwieweit Zeitlichkeit auf die Bildrezeption einwirkt, wird anhand von ‹Flying Man›, 2015, und ‹Sutures›, 2015, deutlich. Für Erstere zerlegt Geoffray den 1912 entstandenen Dokumentarfilm eines Flugexperiments in Einzelbilder, die sie in eine rhythmische Endlos-Abfolge wandelt, in der teils slapstickhafte Bildmomente, «Bewegungsstudien» und ikonische Situationen - wie der Sprung vom Eifelturm - in eine Erzählung übergehen, skandiert vom Klacken des Dia-Projektors. Einander ablösende Bildarrangements, Überblendungen und der Effekt des Nachbildes kennzeichnen wiederum die ‹Sutures›, die in einer Art Warburgscher Komposition (formale) Details herausheben, miteinander verweben und dadurch neue Narrationen erzeugen. Die projizierte Bildfolge versetzt Stillgestelltes in Bewegung, verschmilzt Körper, Gesten und Gesichter sowie deren Accessoires und Umraum in einen meditativen, fast schmerzlich trägen Fluss von bildlicher Körperlichkeit und unausweichlicher Präsenz. Und so wie die Position der Zuschauer/in in den Arbeiten selbst konsequent befragt wird, verbleibt auch ein Nachhall, akustisch, visuell und auch auf der Ebene des eigenen Verhältnisses zu Bildern und ihrer Wirkungsmacht.

Bis: 23.12.2017


Projekt in Folge des Preises der AICA France 2016, mit Publikation: ‹Agnès Geoffray, J. Emil Sennewald, Before the Eye Lids Laid›, Editions La Lettre Volée, Brüssel



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Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Agnès Geoffray [08.10.17-23.12.17]
Institutionen Centre Photographique d'île-de-France [Pontault-Combault/Frankreich]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Agnès Geoffray
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