Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
12.2017




Paris : Pauline Julier


von: J. Emil Sennewald

  
links: Pauline Julier · Naturalis Historia, 2017
rechts: Pauline Julier · Naturalis Historia, Centre culturel suisse, 2017 ©Marc Domage


Aktuell greifen Künstler/innen und Ausstellungen gern Hypothesen zu neuer Materialität, zum Wiedergewinn der Metaphysik als Spekulationszone und zum frischen Realitätssinn fürs Objekt auf. Anthropologen wie Philippe Descola, Philosophen wie Emmanuele Coccia oder Bruno Latour (bei dem Pauline Julier studiert hat) animieren Künstler/innen neuen Episteme, wie Michel Foucault einst die Strukturierung von Wissens- und Macht-Diskursen nannte, den Weg zu bahnen. Ein Trend zur Umverteilung von Definitionsmacht, der sich institutionell als Forschung durch Kunst artikuliert. Künstlerisch nimmt er oft die Gestalt von Narrationen an - Neuerzählungen von «Natur» oder «Welt». Pauline Julier ist eine solche Wissensdarstellerin. Die 36-jährige Genferin entwickelt Bilder und Filme zu Aus- und Abbildungen des Wissens, überträgt sie in den Raum, nutzt inhärente Ästhetiken, verstärkt oder leitet sie um. Das obere Stockwerk des Centre Culturel Suisse wird zur durchkomponierten Installation einer neuen «Naturalis Historia», die mit einem zum Hinterglasbild verkleinerten Gemälde eines Urwalds beginnt: «Pompéi Végétale», 2012, repräsentiert, wie der Biogenetiker Jun Wang einen 300 Millionen Jahre alten Wald rekonstruierte. Das arche-fossile Bild wirkt in seiner konstruierten Symmetrie digital - aufschlussreicher Effekt von Juliers Übersetzung. So auf die Ästhetiken des Wissens und deren Projektion, deren Zukunftsentwurf eingestimmt, saugt ein gross auf die Wand projiziertes HD-Video den Blick in eine «Grotte» - unsicher, ob man Welt- oder Unterwelträume durchfliegt. Rückzug bietet ein in den Raum gebauter hölzerner Ausguck. Wiederaufnahme aus dem Kunstzentrum «La Ferme-Asile» in Sion, lädt er hier in Paris als Kokon zur Verpuppung ein. Imagos des Wissens gibt es auch in einem künstlichen Felsen, über einen Text aus dem 19. Jahrhundert oder eine Bilderfolge italienischer Glaubensprozessionen gegen den Ausbruch des Vesuv. Sie wolle zeigen, sagt die Künstlerin, wie durch Konzepte, Bilder, Filme «die Welt von ihrer rohen Lebendigkeit entfernt, wie sie nach unausweichlich anthropomorphen Darstellungs-Codes organisiert wird.» Dabei weiss Julier, dass «die Natur», deren «rohe Lebendigkeit», nicht unvermittelt zu haben ist. Mit sicherem Gespür für den Bildwert des Wissens macht sie neugierig auf anders Wissbares, zeigt, wie sehr auch das präziseste Faktenwissen mit jeder seiner Wendungen ein Pensum von Darstellung, von aisthetis ist: dem, was Welt wahrnehm- und empfindbar macht.

Bis: 17.12.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2017
Ausstellungen Pauline Julier [09.09.17-17.12.17]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Pauline Julier
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1711262257137VH-40
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.