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Ansichten
1/2.2018


 Die Grundlagen für vieles liegen im Taktilen. Zu den meistgeschätzten Kompetenzen gehört das Fingerspitzengefühl. Das Gestalterische ist reich an Anwendungsbereichen taktiler Fähigkeiten. Im Schaffen der ungarischen Künstlerin Sari Dienes ergänzen sich konventioneller und experimenteller Gebrauch auf inspirierte, selbstbewusst feminine Weise.


Ansichten - Sari Dienes: Tactile Proofs


  
Sari Dienes, Tred Squares · um 1953-55, Frottage auf Webril, gerahmt, Blatt: 91,4x91,4 cm, Kunst­museum Basel, Ewige Dauerleihgabe der Hüni-Michel-Stiftung © ProLitteris. Foto: Martin P. Bühler


Hauptbau Kunsmuseum Basel, Zwischengeschoss. Dort wurde die grossformatige Frottage ‹Tred Squares› im Rahmen der zweiten Sammlungspräsenta­tion 2017 zum Thema ‹Fokus Papier› gezeigt. Die Arbeit ist Teil einer Werkgruppe, welche die Künstlerin Sari Dienes (1898 Debrezin-1992 Stony Point) bis Mitte der Fünfzigerjahre weiterverfolgte: «Im Herbst 1952 begann ich ein grosses und faszinierendes Projekt, welches ich ‹Sidewalks of New York› nannte. Darin machte ich die Strassen der Stadt zu meinem Thema. Diese Sammlung von Drucken besteht aus Partituren (scores) der Bearbeitungen von Gehsteigen, Strassenbelägen und Kanaldeckeln», so Dienes in der Zeitschrift ‹Craft Horizons› im März 1956. Ausgerüstet mit handlichen Druckerwalzen unterschiedlicher Beschichtung, Stücken von Webril, einem ungewebten Material aus Baumwolle, und Druckerfarben nutzte Dienes die frühen Morgenstunden, in denen noch wenige Menschen auf den hochfrequentierten Strassenzügen unterwegs waren. Sie wählte die Stellen im Stadtraum intuitiv, legte das Tägermaterial mehrfach auf prägekräftige Elemente wie Kanaldeckel und Markierungen und frottierte in einem mehrteiligen Prozess - Drehen, Kehren und Standortwechsel inklusive. Gezeigt wurden die Resultate in den Schaufenstern des Warenhauses Bonwit Teller an der Fifth Avenue und in der Galerie Betty Parsons, die Dienes früh in ihr Programm aufnahm. ‹Tred Squares› versammelt Abdrücke von nicht eindeutig lesbaren Strassennamen und Markierungen, die vom alltäglichen Gebrauch der robusten Oberflächen berichten. Die Frottage gleicht einem Zustandsdruck von Motiven, die das Leben in einer Metropole ausmachen, ohne Person oder Figur zu werden. Ihre gestalterische Absicht in der «communion» mit Elementen wie Flora, Fauna und dem Zufall als Mitspieler sah Dienes darin, «ein Bild mit Eigenleben zu schaffen, das sich verselbständigt», und eine Präsenta­tionsform zu wählen, die diesen Charakter nostalgiefrei unterstützt.
Dienes kam kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in New York an, sie arbeitete in Werkstätten im Hoch- und Tiefdruckverfahren, wo sie Projekte anderer umsetzte. Ihr Studio an der 57. Strasse nutzte sie parallel für eigene Projekte. Anfänglich wurde sie vom Künstlerkollegen Jasper Johns unterstützt, der im Sommer 1953 ein Studio an der 83. Strasse bezog. Seit kurzer Zeit befinden sich nun insgesamt sechs Werke in der Sammlung des Kunstmuseums Basel, wo sie die substanziellen Bestände amerikanischer Kunst nach 1950 ergänzen und für neue Sichtweisen öffnen.
Stefanie Manthey, Autorin, Kunstvermittlerin, Forschung zu R. Trockel. stefanie.manthey@gmail.com



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Ausgabe 1/2  2018
Autor/in Stefanie Manthey
Künstler/in Sari Dienes
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