Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2018


Sabine Elsa Müller :  Vor fünf Jahren sorgten die Aktion der russischen Art-Punk-Band Pussy Riot und der sich daran anschliessende Prozess weltweit für Aufsehen. Die sozial und politisch engagierte Kunst ist in Russland eine starke Kraft, auch und gerade unter der restriktiven Kulturpolitik der im Jahr 2000 einsetzenden Putin-Ära.


Aachen : dis/order - Art and Activism in Russia since 2000


  
links: Artem Loskutov · Monstration, Novosibirsk, 1. Mai 2014. Foto: Evgeniy Ivanov
rechts: Artem Loskutov/Maria Kiselyeva · Die wunderbare Entdeckung der Pussy-Riot-Ikone, C-print, 120x180 cm, in Leuchtkästen in Novosibirsk, 1. März 2012.


Die Namensliste der beteiligten Künstler/innen dieser Ausstellung ist lang, dabei verbergen sich hinter den vielen Gruppennamen weitere Einzelpersonen wie auch solche, die nicht unbedingt bekannt werden wollen. Natürlich sind in diesem Grenzbereich zwischen Kunst und politischem Aktivismus nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch Journalist/innen, Schriftsteller/innen, Philosoph/innen und andere Kulturschaffende zu finden. Ob als Künstler oder Aktivistin - mit ihren Aktionen riskieren sie so oder so Verhaftungen und Verurteilungen bis zu ­hohen Geld- oder Haftstrafen. Die russische Kuratorin Tatiana Volkova und Holger Otten vom Ludwig Forum sind tief in die Materie eingetaucht. Sie zeichnen ein facettenreiches und erstaunlich buntes Bild der russischen Kunstszene und konstatieren «eine wachsende Politisierung in dem Masse, in dem die staatlichen Repressionen zunahmen». Ausstellungsverbote, wie es der 2004 entstandenen Fotoserie ‹Ohne Titel (Sich küssende Polizisten)› des Duos Blue Noses widerfuhr, sorgten erst recht für erhöhte Aufmerksamkeit der Medien. Gegen die staatliche Kontrolle des Privaten sowie des öffentlichen Raums wendeten sich auch Aktionen wie die von der Gruppe ‹Bombily› (ein russischer Ausdruck für lizenzloses Taxifahren) 2007 inszenierte, spektakuläre ‹Autofahrt der Nichtverstandenen› durch die Moskauer Innenstadt mit einem auf das Autodach geschnallten Bett, in dem ein Paar beim Sex zu sehen war. Ironie, subversive Affirmation und karnevaleske Travestie gehören zum Grundvokabular des sanften Protests. Bis zu 5000 Teilnehmer/innen verwandeln bei der «Monstration» die jährliche Maikundgebung in ein Happening mit auf Pappschildern aufgemalten Kernaussagen wie «AAAAA!», «3 Monate ohne Frau» oder «So was ist noch nie passiert. Und jetzt wieder!»
Seit 2012 - dem Jahr der Rückkehr Putins ins Präsidentenamt - schlägt die Kunst leisere Töne an. Sie setzt auf Aufklärung wie Katrin Nenasheva mit ihrem Langzeitprojekt ‹Zwischen hier und dort›. Bei ihrem jüngsten Einsatz war sie 23 Tage lang auf den Strassen Moskaus unterwegs und trug dabei eine VR-Brille mit Aufnahmen aus städtischen Anstalten für geistig und psychisch Behinderte. Dabei forderte sie Passant/innen auf, einmal durch die Brille auf ihre Stadt zu schauen.

Bis: 18.02.2018



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen dis/order [17.11.17-18.02.18]
Institutionen Ludwig Forum für internationale Kunst [Aachen/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=18010316333730F-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.