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Besprechung
1/2.2018


Alice Henkes :  Selten wurde eine Ausstellung so gespannt erwartet wie ­diese. In der ‹Bestandsaufnahme Gurlitt› zeigt das Kunstmuseum Bern 160 Werke, die von den Nationalsozialisten als «Entartete Kunst» beschlagnahmt wurden und die über den Nachlass Cornelius Gurlitts in das Berner Museum kamen.


Bern : Bestandsaufnahme Gurlitt - Beschlagnahmt und verkauft


  
links: Ernst Ludwig Kirchner · Zwei Akte auf Lager (Zwei Modelle), 1907/08, Schwarze und farbige Kreiden auf geripptem Doppelpapier, 34,6 x 42,8 cm, Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014
rechts: August Macke · Im Schlossgarten von Oberhofen, 1914, Aquarell, Graphit auf Papier auf Karton, 23,2 x 28,9 cm, Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014


Im November 2013 gelangt der «Schwabinger Kunstfund» durch einen ‹Focus›-Artikel an die breite Öffentlichkeit. In den Münchner Wohnräumen von Cornelius Gurlitt sind Kunstwerke gefunden worden, bei denen es sich angeblich um NS-Raubkunst handeln soll. Untersuchungen laufen an. Im Mai 2014 stirbt Cornelius Gurlitt. Sein Testament macht das Kunstmuseum Bern zur Alleinerbin des historisch belasteten Kunstschatzes. So lässt sich der jüngste Teil der Geschichte Gurlitt zusammenfassen, der nun in einer umfangreichen Doppelausstellung aufgearbeitet wird. Das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle Bonn zeigen zeitgleich Teile der rund 1500 Werke umfassenden Sammlung Gurlitt. Im Frühjahr werden die beiden Ausstellungen ausgetauscht.
Die Berner Ausstellung beschäftigt sich mit der von den Nationalsozialisten verfemten Moderne und mit der Rolle des Kunstsammlers und -händlers Hildebrand Gurlitt, des Vaters von Cornelius Gurlitt. Es ist eine Geschichte, die tief in den Sumpf der NS-Diktatur hineinreicht und die Frage beleuchtet, wer die Deutungshoheit über Kunst beansprucht und welche Rolle Kunst in der Politik spielen kann. Hildebrand Gurlitt begann seine Karriere als Kunstförderer. Als die Nationalsozialisten im Rahmen der Aktion «Entartete Kunst» 1937 und 1938 Werke aus deutschen Sammlungen beschlagnahmt hatten, bot er sich an, diese Werke an- und weiterzuverkaufen, und wurde so zum Handlanger des NS-Regimes. Viele der Kunstwerke, die Hildebrand Gurlitt damals erwarb, gingen später an seinen Sohn Cornelius über.
Die Ausstellung trennt Zeitgeschichte und Kunstgeschichte, um den Werken den gebührenden Raum zu lassen. Das führt zu einer Zweiteilung der Schau in einen symbolträchtig abgedunkelten, historischen Teil, in dem die Verstrickung der Familie Gurlitt in den Kampf der Nationalsozialisten gegen die Moderne dargestellt wird. Auch die Entwicklung ­antimoderner Haltungen im 20. Jahrhundert wird skizziert. «Der Angriff auf die ­Moderne» begann nicht erst mit den National­sozialisten. Um diesen schwergewichtigen Bereich gruppieren sich ­lichte Säle, in denen Kunstwerke namhafter Moderner wie Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, ­Otto Dix und Paul Klee zu sehen sind. Sie sind säuberlich geordnet nach Gruppierungen wie «Die Brücke» oder «Spätexpressionismus» und leuchten in oft erstaunlicher Farbkraft. Das wirkt sehr brav, sehr aufgeräumt und fällt gegen den historischen Teil ab.

Bis: 04.03.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Bestandsaufnahme Gurlitt [02.11.17-04.03.18]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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