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Besprechung
1/2.2018


Isabel Zürcher :  Das Kloster Dornach ist nebst Kirche, Gastronomie- und Hotelbetrieb auch ein Ort für zeitgenössische Kunst. Dass das ergiebig sein kann, zeigt das Gastspiel von Jan Hostettler. Seine Intervention - die erste in einer losen Reihe - rückt ins Herzstück des Sakralraums vor.


Dornach : Aussteigen - Ist Malerei eine Glaubensfrage?


  
Jan Hostettler · (v.l.n.r.): Lehm, Holz (Kreuzabnahme) und Knochen (2017) in der Klosterkirche Dorn­ach. Foto: Serge Hasenböhler


Auf den ersten Blick möchte man sagen, es seien Fremdkörper: Wie Meteoriten bieten eine Tonscherbe, ein Holzpfahl und ein Knochen ihre porösen Oberflächen zur Ansicht an. Erhöht über Haupt- und Seitenaltären, stellen sie in der Dorn­acher Klosterkirche nicht nur Grössenverhältnisse in Frage. Ihre überdimen­sionierte Präsenz fragt auch nach dem Verbleib der religiösen Erzählung, hat doch Jan Hostettler (*1988) seine drei Leinwände exakt über den Tafeln des barocken Kleinmeisters angebracht, der hier seit 340 Jahren Christi Wunder und Verwundbarkeit bezeugt. Die neue Trompe-l'Œil-Malerei verbirgt bis Ostern 2018 unter anderem eine Huldigung an die Muttergottes oder die Grablegung. Wo sonst Christi starrer Leichnam vor dem Kreuzesstamm alle Umstehenden mit dem Gewicht der Trauer belegt, schwebt jetzt ein Balkenstrunk vor weissem Grund. Auf den zweiten Blick muss man sich korrigieren: Die Objekte, die den dunkeltonigen Bildtafeln vorgelagert sind, haben ganz viel mit genau diesem Ort zu tun. Und bringen in ihrer nackten Sprache zur Aufführung, was der Kirche heilig ist: die Achtung vor aller Kreatur und vor der Materia, die sich transformieren muss, um ­Leben möglich zu machen. Durch und durch irdisch ist Hostettlers Bildvokabular. Kühn und verhalten zugleich, unerschrocken und subtil sucht es den Kontakt zur sakralen Umgebung und fragt nach dem Zusammenhang zwischen Glaube und Sichtbarkeit. Hostettler zitiert Objekte, die er während der jüngst abgeschlossenen Sanierungs­arbeiten auf dem Klosterareal geborgen hatte. Indem er den gebrannten Ton eines Ziegelfragments zerrieb und mit Acryl anrührte, verwandelte er ein Fundstück in Pigment. Aus dem Holz gewann er Kohle und aus dem Rinderknochen das Beinschwarz, um Umrisse und Schattierungen wiederzugeben. Um zum Bild zu werden, mussten die Dinge verschwinden.
Anlass von Hostettlers Take-overs ist der Aufbruch der Stiftung Kloster Dornach in eine Zukunft, welche die Anliegen von Kirchgängern, die Anforderungen an einen Gastro- und Hotelbetrieb sowie zeitgenössisches Kulturschaffen unter demselben Dach vereint. ‹Aussteigen› ist der Titel und das Leitmotiv des laufenden Gastspiels, das im Klostergarten auch Werke von René Küng (*1934) aufnimmt. Weit wörtlicher als sein jüngerer Kollege streift der Bildhauer Glaubensfragen und kreuzt mit seinen Himmelsleitern und Tormotiven archaische Bilder genauso wie die Sehnsucht nach Durchblick, Übersicht und gangbaren Wegen.

Bis: 27.03.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Jan Hostettler, René Küng [21.10.17-27.03.18]
Institutionen Kloster Dornach [Dornach/Schweiz]
Autor/in Isabel Zürcher
Künstler/in Jan Hostettler
Künstler/in René Küng
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