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Besprechung
1/2.2018


Meredith Stadler :  Mit der Ausstellung ‹Heimspiel› kehrt Urs Lüthi in das Dorf seiner Kindheit zurück. Dieses Jahr wurde der Künstler siebzig. Dennoch kein Rückblick: Die jüngsten Arbeiten sind ausgestellt. Sie legen neue Dimensionen eines Lebenswerks frei, das im Spielfeld des Ungewissen beheimatet ist.


Kriens : Urs Lüthi - Heimspiel in Grau


  
links: Urs Lüthi · Lost Direction IV, Figur 3, 2016, Aluminium, Farbe, Holz, Teppich (vorne); Selbstporträt ­(Butterflies), 2014, Ultrachrome-Pigmentprint (hinten) Foto: Martin Stollenwerk
rechts: Urs Lüthi · Skulptur aus der Serie Brachland / Wasteland, Nr. 2, 2014, Holz, Farbe (vorne); Selbstporträt (Brachland I), 2014, Ultrachrome-Pigmentprint, Unikat (hinten). Foto: Martin Stollenwerk


«Ich bin äusserlich ein ganz kühler Mensch und würde nie etwas Expressives tun.» Was Urs Lüthi an einem Novemberabend in Zürich sagt, ist bezeichnend. Erst wirkt das Gesagte überraschend, dann folgerichtig. Ein Werk, das die Selbstinszenierung des Künstlers ins Zentrum stellt, soll nichts Expressives an sich haben? Nicht unbedingt. Lüthi liegt es näher, Fragen an das Konzept des Persönlichen überhaupt zu stellen. Schon in den Sechzigerjahren machen Selbstporträts die Inszenierung einer Persona explizit. Diese schwarzweissen Fotografien zeigen, wie hoch der Anteil fremder Bilder am Selbstbild ist und wie illusionär damit die Vorstellung, dass sich ein Selbst tatsächlich «selbst» ausdrücken könne. Persönlich ist das Werk Urs Lüthis in einem anderen Sinn.
Seit den vom Bauhaus beeinflussten Ausbildungsjahren sind die Prozesse, das Drumherum, Teil seiner künstlerischen Praxis. Kunst ist Leben, in beidem gilt es, stets neu anzusetzen, wobei das Frühere Bestandteil des Nächsten und das Bestehende nie abgeschlossen ist. Jede Ausstellung sowie die begleitenden Publikationen gestaltet Lüthi sorgfältig mit. Druckfrisch und gerahmt hängt in der Krienser Ausstellung nun das Buch ‹Printed Matter›, das den Ephemera gewidmet ist. Durch seinen unklaren Kunstwerk-Status bildet es eine Brechung in der Ausstellungsinszenierung: eine unauffällige Störung, eine kleine Geste des Zweifels, die bei Lüthi stets die formale und inhaltliche Dichte offenhält.
‹Heimspiel›: Der Titel passt auffällig gut zur zeitgleich stattfindenden Ausstellung über den Sportclub Kriens. Vielleicht setzt Lüthi auf dem Feld ständiger Sinnverschiebungen zum Hechtsprung an? Oder zu einem neuen Richtungswechsel: Die Werkgruppen ‹Brachland / Wasteland›, 2014, sowie ‹Lost Direction III› und ‹IV›, 2016, klingen düster und kommen ungewohnt karg daher. Ganz in Grau hält sich etwa die ‹Brachland›-Serie. Hier teilen grob gerasterte, fotografische Selbstporträts den Raum mit Tafeln aus dickflüssiger Betonboden-Farbe, die vertikal gehängt oder horizontal gelegt auf Sockeln angebracht sind. Der Künstler, ernst dreinblickend, wendet sich vom Ausstellungsraum ab. In der ausgestellten vierteiligen Skulptur ‹Lost Direction IV› kommt seine Figur sogar selbst zum Liegen. Auf unerwartet direkte Weise spiegelt die formale Reduktion der jüngeren Werkgruppen so die Vergänglichkeit - das Verschwinden der eigenen Person, das immer Lüthis Thema war.

Bis: 18.03.2018


‹Printed Matter›, Edizioni Periferia 2017



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Urs Lüthi [18.11.17-25.03.18]
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Meredith Stadler
Künstler/in Urs Lüthi
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