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Besprechung
1/2.2018


Alice Henkes :  Franz Gertsch gehört zu den namhaftesten unter den Schweizer Künstlern und Künstlerinnen. Auch wenn ihm in Burgdorf ein eigenes Museum gewidmet ist, lohnt sich die Reise nach Vevey ins Musée Jenisch. Dieses zeigt in der Ausstellung ‹visages paysages› Drucke des ­Künstlers.


Vevey : Franz Gertsch - visages paysages


  
Franz Gertsch · Winter, 2016, Holzschnitt, 190x255,6 cm, Druck in Ultramarinblau auf Japanpapier


Die grosse Stärke der Schau von Franz Gertsch (*1930) liegt in ihrer entschlossenen Reduziertheit. Man muss nicht immer viel sehen, um viel zu verstehen. 22 Werke aus allen Schaffensphasen hat Ausstellungskurator Rainer Michael Mason im Erdgeschoss des Museums verteilt. Besondere Bedeutung kommt dabei den beiden grossen Sälen rechts und links der Eingangshalle zu. Dort begegnen sich nicht nur, wie es der Titel der Ausstellung verheisst, Porträts und Landschaften, sondern auch Drucke aus verschiedenen Arbeitsperioden. Kombinationen, die geradenwegs ins Zentrum seines Druckschaffens führen, sind für den in Rüschegg bei Bern lebenden Künstler doch Gesichter ebenso Landschaften wie Wälder, Sträucher, Wasserläufe. Das Wesenhafte sowohl in einem Gesicht wie in einer Pflanze sehen zu können, das sei für ihn stets eine der grundlegenden Herausforderungen in der Kunst gewesen, sagte er einmal in einem Interview. Die räumlichen Verhältnisse im Musée Jenisch unterstützen die Wahrnehmung von Porträts und Figuren als landschaftlichem Kunstraum, wurden doch gerade einige besonders grossformatige Arbeiten wie ‹Schwarzwasser II›, 1993-94, und ‹Maria› aus dem Jahr 2001 in kleine Seitenräume gehängt, die das sonst gern ausgeübte Zurücktreten vereiteln, dieses Abstandnehmen, um die Arbeit im Ganzen erfassen, die Farbpunkte des Holzschnitts zu einer hyperrealistischen visuellen Information verschmelzen sehen zu können. Die Ausstellungssituation erzwingt geradezu ein Eintauchen in die Welt aus Farbpunkten und Japanpapier.
Exemplarisch zeigt sich an den Bildkombinationen auch die Entwicklung, welche der Künstler in seiner einzigartigen Holzschneidekunst gemacht hat. 1986 hat sich Gertsch, zuvor nur als Maler bekannt, der Druckgrafik zugewandt. Sieben Jahre lang hat er ausschliesslich Holzschnitte in der von ihm entwickelten, extrem langwierigen, aber auch extrem exakten Technik (die ein Video in der 1. Etage erläutert) erstellt. In den letzten 25 Jahren nun entstehen alternierend Gemälde und Drucke. Oft bearbeitet Gertsch die gleichen Motive mal malend, mal schneidend. Hier wie dort gewinnt dieser disziplinierte Meister mehr und mehr an Freiheit. Besonders deutlich wird das in der Ausstellung, wenn eine akribisch streng ausgeführte ‹Doris› von 1994 und die jüngst entstandenen Drucke ‹Winter›, 2016, und ‹Sommer›, 2017, aufeinandertreffen. In den gedruckten Variationen auf seinen grossen Jahreszeiten-Zyklen zeigt Gertsch bei aller Perfektion eine heitere Leichtigkeit, eine elegante Gelassenheit, in der ein Hauch von Weisheit schwingt.

Bis: 04.02.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Cabinet cantonal des estampes: Franz Gertsch [27.10.17-04.02.18]
Institutionen Musée Jenisch Vevey [Vevey/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Franz Gertsch
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