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Besprechung
1/2.2018


Nicola Schröder :  Jeder ist damit konfrontiert. Wand an Wand, durch eine Buchsbaumhecke getrennt oder auf dem Platz neben sich: Nachbarn. Das Vögele Kultur Zentrum bietet derzeit viele Perspektiven auf den (un-)freiwilligen Nächsten, bei dem das Gras viel grüner, aber selten im eigenen Sinne geschnitten ist.


Pfäffikon : Hallo Nachbar! - Der tägliche Tanz um Nähe und Distanz


  
links: Hallo, Nachbar! - Der tägliche Tanz um Nähe und Distanz, Ausstellungsansicht Vögele Kultur ­Zentrum. Foto: Nadia Sambuco
rechts: Arne Swenson · Neighbors Nr. 38, 2012, Pigment Print, Courtesy of Julie Saul Gallery NYC und Vögele Kultur Zentrum


Mit ‹Neighbours› zeigte Norman McLaren, wie es ausgehen kann, wenn Nachbarn in Streit geraten. Sein oscarprämierter Kurzfilm von 1952 erzählt in reduzierten Bildern, wie friedliche Nachbarn im Revierstreit um eine Blume zu Mördern werden. Zuerst entsteht ein Zaun. Am Ende müssen auch Unbeteiligte ihr Leben lassen.
Wie aber gestaltet man das Nebeneinander positiv? Entlang der «Mauer», die den Ausstellungsraum in Pfäffikon wie eine Grenze teilt, trifft man auf verschiedene Vorschläge in Form interaktiver Stationen und künstlerischer Positionen. Der Genfer Künstler Dan Acher ergründet die Möglichkeiten in partizipativen Kunstprojekten. Mit seinem ‹Happy City Lab› lädt er Menschen ein, miteinander zu tanzen, zu singen oder Dinge zu tauschen. Als Experiment hat das Vögele Kultur Zentrum selbst eine Box mitten in Pfäffikon installiert, über die Menschen Alltagsdinge tauschen können. Wie Kateřina Šedá verfolgt sie das Ziel, Menschen durch Interventionen zusammenzubringen. Konkret versucht die tschechische Künstlerin das im tschechischen Ort Nošvice. Hier errichtete der Autokonzern Hyundai 2008 ein Produktionswerk mitten im Dorfkern. Viele verliessen das Dorf, die Verbliebenen sprachen nicht mehr miteinander. Mit missionarischem Eifer liess Šedá unter anderem die Frauen des Ortes gemeinschaftlich Tischtücher besticken, um sie wieder zusammenzubringen.
Doch neben Gemeinschaft ist auch genug Raum für den Einzelnen ein wichtiges Gut. Vorübergehende Nachbarschaften erlebt man täglich. Sitznachbarn in Zügen oder Kinos rücken einem oft näher, als einem lieb ist. Das macht bewusst, warum viele bereit sind, für mehr Raum zu zahlen. Sei es in Form eines Erste-Klasse-Billetts oder eines Einfamilienhauses mit Garten. Die Holzklasse ist eng. Umso grösser ist die Reibungsfläche in diesem Bereich, wo nicht nur die Nähe, sondern oft auch die Unterschiede besonders gross sind. Die wachsende Enge in modernen Grossstädten zeichnet da ihr eigenes Bild. Arbeiten von Arne Svenson oder Michael Wolf geben das fotografisch wieder. Parallel zur zunehmenden Enge suggeriert die Architektur Offenheit. Fassaden sind aus Glas, Lebensbereiche verschmelzen. Wie schwierig die Abgrenzung ist, erfuhr Svenson, als er für seine Arbeit angezeigt wurde. Die Menschen hinter einer Glasfassade, die er in seiner Ausstellung zeigte, hatte er ohne ihr Wissen fotografiert. Stéphanie Beaulieu widmete sich mit ihrer Kamera lieber der grenzwertigen Frage, ob das Gras in Nachbars Garten wirklich grüner ist.

Bis: 25.03.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Hallo, Nachbar! [26.11.17-25.03.18]
Institutionen Vögele Kultur Zentrum [Pfäffikon SZ/Schweiz]
Autor/in Nicola Schröder
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