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Besprechung
1/2.2018


Irene Müller :  In den Neunzigerjahren beginnt sich in der Kunst ein Phänomen abzuzeichnen, das sich vereinfacht formuliert in einem neuen Umgang mit Menschen und ihren Körpern äussert. Die ­aktuelle Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst zeigt ­Statistinnen und Leiharbeiter in tragenden Rollen.


Zürich : Extra Bodies - Gebrauchsorientierter Umgang mit Menschen


  
links: Teresa Margolles · Mesa y dos bancos, 2013, hergestellt aus einer Mischung aus Zement und vom Boden aufgehobenem Material, auf dem der Körper einer an der nordmexikanischen Grenze ermordeten Person lag; Tisch: 85 x 80 x 200 cm, Bänke: je 50 x 45 x 140 cm. Im Hintergrund: Maria Eichhorn, Prohibited Imports, 2003, Wandvitrine aus Holz und Glas, Bücher, 47,5. x 76,5 x 38 cm. Beide Werke: Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst. Ausstellungsansicht. Foto: Lorenzo Pusterla
rechts: Artur Žmijewski · Glimpse, 2017, Videostill, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst


Trotz unterschiedlicher Motivationen und Kontexte ist allen beteiligten Künstler/innen gemeinsam, dass sie «kunstfremde» Personen(-gruppen) auswählen, die ihrerseits zum bestimmenden Faktor der Arbeiten werden. Sei es als «Material» eines ästhetischen Arrangements, als Handlanger oder Ausführende einer vorgegebenen Handlung. Sei es aufgrund einer (bio-)sozialen Rolle, aufgrund von Lebensumständen oder von Schicksal. Die von Kurator Raphael Gygax als «andere Körper» bezeichneten Menschen folgen Anweisungen, übernehmen ihren Part - mit oder ohne Bezahlung, lassen sich auf Reisen schicken, in Workshops einbinden, beobachten und inszenieren, und dies auch manchmal ohne detailliertes Wissen über die konkrete (Aufnahme-)Situation. Oder ihnen wird, wie im Fall der einfühlsamen Arbeit von Teresa Margolles, ein Denkmal gesetzt, dem sie sich nicht (mehr) verweigern können.Ansonsten begegnet man diesen Menschen durchwegs in Stand- und Bewegtbildern, was auf das Primat einer medial geprägten Bildpolitik verweist wie auch den Dokumentarismus erklärt, dessen sich einige Künstler/innen bedienen; haftet doch Fotografie und Video noch immer die Aura von Authentizität und «neutraler» Realitätsbeobachtung an. Insofern lässt sich die Qualität der Arbeiten auch daran bemessen, wie differenziert und reflektiert der Umgang mit medieninhärenten Parametern ausfällt: Inwieweit ist das Verhältnis von Künstler/in und Protagonist/in sowie das (visuelle) Machtgefüge der unterschiedlichen Körper als «Bildsubjekt» und als arrangierende Instanz transparent gemacht. So begegnet man in den Arbeiten von Artur Žmijewski, Edwin Sanchez, Ai Weiwei oder Guy Ben-Ner einer Haltung, welche die brisanten, sich unmittelbar aufdrängenden Fragen nach Respekt und Instrumentalisierung visuell weitgehend offenlegt.
Viele Arbeiten werfen Fragen nach einer impliziten (voyeuristischen) Komplizenschaft zwischen Künstler/in und Betrachter/in auf und die Gratwanderung zwischen ausgestellten und blossgestellten Körpern rührt oft auch an die Grenzen der Political Correctness. Doch dies liegt bei diesem Thema und den im Kunstbetrieb durchwegs kontrovers diskutierten Künstlerpositionen auch auf der Hand. Dass jedoch so wenige Künstlerinnen in die Auswahl einbezogen wurden, hinterlässt leider einen etwas bitteren Nachgeschmack dieser ansonsten interessanten Ausstellung.

Bis: 04.02.2018


Künstlergespräch mit Jonas Staal am 1.2.



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Extra Bodies [18.11.17-04.02.18]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
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