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1/2.2018




Burgdorf : Varlin


von: Adrian Dürrwang

  
links: Varlin · Parasol de ma mère, 1938 © ProLitteris
rechts: Varlin · Selbstbildnis, 1975 © ProLitteris


«Sein Atelier war eine Art Scheune, voller Bilder riesigen Formats. Die Luft war stickig und heiss. Die überdimensionierten Bilder beunruhigten mich; erst viel später begriff ich, dass er sich damit gegen sein Sterben zur Wehr setzte.» So beschrieb der mehrfach porträtierte Friedrich Dürrenmatt, wie Varlin (1900-1977) die eindrücklichen Gemälde seiner späten Jahre schuf. Die Darstellung des Autors von 1974/75 wirkt fast grotesk. Ohne Schuhe, dickbäuchig, liegt dieser auf einem alten Bett, das perspektivisch unmöglich anmutet und nur mit groben schwarzen Pinselstrichen umrissen ist. Dieses Abgründige und Hässliche rückt Varlin, mit dem bürgerlichen Namen Willy Guggenheim, in die Nähe eines Chaim Soutine oder Francis Bacon.
Das Museum Franz Gertsch zeigt unter dem Titel ‹Varlin. Perspektiven› neben anderen eine ganze Gruppe von Gemälden, die ab 1963 in Bondo, seiner Wahlheimat, entstanden sind. Sie wurden nur wenige Wochen vor dem verheerenden Bergsturz aus dem Varlin-Archiv im Bergdorf nach Burgdorf transportiert. In Zusammenarbeit mit dem Archiv, das glücklicherweise verschont blieb, entstand anlässlich des vierzigsten Todestags die erste Museumsausstellung seit zehn Jahren in der Deutschschweiz. Sie unterstreicht die Bedeutung dieser eigenwilligen Position für die Schweizer Kunst.
Anna Schafroth betont im Katalog die Eigenständigkeit von Varlins figürlichem Stil angesichts zeitgleicher Tendenzen zur Abstraktion. Varlin entwickelte zudem bereits in jungen Jahren, von 1921 bis 1932, in Berlin und Paris einen kritischen Blick für gesellschaftliche Verhältnisse. Neben Cafés und Strassenszenen malte er Vertreter aller sozialen Schichten, wie später den in Zürich bekannten ‹Clochard Wolz›. Er schuf ebenso Ansichten von Irrenhäusern, Zuchthäusern oder Friedhöfen. Das grossformatige Gemälde ‹Die Heilsarmee› von 1964/65 thematisiert beispielsweise eine «bigotte Frömmigkeit». Es bildet räumlich in der Schau das Gegenstück zum acht Meter breiten Gemälde ‹Gente del mio Paese› von 1975/76, welches vierzehn Personen aus Varlins dörflichem Umfeld versammelt. Zeigen die karikierten Uniformierten den bissigen Spott des Künstlers, bilden die persönlichen Porträts, vom Bauern bis zur Krankenschwester, das ab, was ihn bis am Schluss umtrieb. Er wollte das «unter der Oberfläche Verborgene» einfangen, so Schafroth, interessierte sich immerzu für die «condition humaine».

Bis: 04.03.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Varlin: Perspektiven [02.09.17-04.03.18]
Institutionen Museum Franz Gertsch [Burgdorf/Schweiz]
Autor/in Adrian Dürrwang
Künstler/in Varlin
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