Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
1/2.2018




Frankfurt/M : Diorama. Erfindung einer Illusion


von: Miriam Wiesel

  
links: Alaska-Schneeschaf · Denali National Park, 1997, 400 x 190 x 238 cm, Courtesy Übersee-Museum. Foto: Matthias Haase
rechts: Hiroshi Sugimoto · Earliest Human Relatives, 1994, Silbergelatineabzug, 42,3 x 54,3 cm


Der Ausschnitt der Filmkomödie ‹Nachts im Museum›, 2006, zeigt, welch imaginäres Potenzial ein Diorama im besten Fall hat: Das dreidimensionale Bild hinter dem Glas wird lebendig, die eingefrorenen Objekte agieren selbstbewusst und real. «Ein Diorama ist vor allem eine Erzählung, ein Teil der Naturgeschichte», in der «die Kapitel der Natur aufgeschlagen und [...] mit blossem Auge gelesen werden» können, so fasste es Donna Haraway schon vor über dreissig Jahren. Zur gleichen Zeit begeisterte der Fotograf Hiroshi Sugimoto mit seinen Aufnahmen aus dem New Yorker Museum of Natural History: schwarz-weiss fotografierte Dioramen, deren Übernatürlichkeit das auf Postmoderne getrimmte Publikum produktiv irritierte. Mit ‹Diorama. Erfindung einer Illusion› zeigt die Schirn nun eine gemeinsam mit dem Pariser Palais de Tokyo konzipierte Ausstellung, die von den religiösen Schaubildern des 16. Jahrhunderts über die Entstehungszeit der Dioramen im 19. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen Interpretationen des dreidimensionalen Mediums reicht.
Und so fühlt man sich stellenweise in die ­Museen der Kindheit zurückversetzt, aus denen die oftmals düsteren Schaukästen, häufig als «überholte Darstellungsformen und Verfechter altmodischer Werte» abgetan, wie es im Wandtext heisst, grösstenteils verschwunden sind. Dabei gibt es ganz bezaubernde Exemplare, bspw. die viktorianische ‹Happy Family› von Walter Potter (1835-1918), die ein friedvolles Nebeneinander bunt gemischter Tierarten beschwört - wie nach dem Zweiten Weltkrieg für uns streitbare Völker die legendäre Fotoausstellung ‹Family of Man›. (Museums-)historisch und inspirierend ist aber nicht nur die dem Medium eigene nonchalante Verbindung aus Wissenschaft und Kunst, die durchaus mit aufklärerischem Impetus antrat - wie die Dioramen mit Habitatgruppen als Fenster in eine fremde, eine tierische Welt -, sondern auch die bisweilen dramatischen Inszenierungen - damit sich zur Illusion Unterhaltung geselle. Der zeitverhaftete Blick - um 1900 die Nähe zu den Kolonial- und Weltausstellungen, welche die hegemoniale westliche Perspektive absolut setzte -, heute dessen dystopische Spiegelung: eine von der Lebensweise und dem Konsumverhalten des Menschen überformte, um nicht zu sagen zerstörte Umwelt, wie Mark Dion sie in ‹Paris Streetscape›, 2017, zeigt. Tierisches Leben in der Stadt blüht, weil unser Abfall Ratten, Tauben, Füchse usw. miternährt. Ein «Moralstück über die Natur» (Haraway) neu aufgelegt?.

Bis: 21.01.2018



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Diorama. Erfindung einer Illusion [06.10.17-21.01.18]
Institutionen Schirn Kunsthalle [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=18010317223344L-27
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.