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1/2.2018




Friedrichshafen : Virtuelle Realitäten


von: Thomas Schlup

  
links: Halil Altindere · Journey to Mars, 2017, Aus­stellungsansicht Zeppelinmuseum, Courtesy Tretter Virtuelle Tagträume
rechts: Florian Meisenberg · Pre-alpha courtyard games, 2017, Ausstellungsansicht Zeppelinmuseum


Alle Bilder sind flach. Diesen Umstand versuchten Menschen schon immer zu verändern; unter anderem durch Stereoskope, von denen einige historische Exemplare in der Ausstellung ‹Schöne neue Welten› im Zeppelinmuseum die darunter liegenden Fotografien plastisch erscheinen lassen. Heute bewegen wir uns mit elektronischen Hilfsmitteln in virtuellen Welten und nennen es ‹Virtual Reality› - abgekürzt VR, aber kann eine Realität virtuell sein? Zumal virtuell nichts passiert, was nicht vorher real programmiert worden ist. Die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt lotete Micha Cárdenas (*1977, Miami) in ihrer autobiografischen Arbeit ‹Becoming Dragon› aus. Sie untersuchte die Möglichkeit, das für die Anerkennung der Geschlechtsumwandlung nötige Kalenderjahr im neuen Körper als 365 Stunden in ‹Second Life› zu kondensieren, und zeigt uns das Ergebnis als Videoinstallation. Wir betrachten auf einem flachen Bildschirm eine reale Person auf der Reise durch ihre plastische, aber virtuelle Welt. Einen ganz anderen Ansatz wählte Halil Altindere (*1971, Türkei) mit ‹Journey to Mars›. Vor dem wand­hohen Bild der mit grimmigem Humor ‹Palmyra› genannten Raumstation lässt sich mittels VR-Brille die Umsiedlung von Flüchtlingen auf den Mars untersuchen. Realer und nachdenklich machender Hintergrund ist dabei das Schicksal von Muhammed Ahmed Faris, der in der damaligen Sowjetunion zum Kosmonauten ausgebildet wurde und als einziger Syrer 1987 zur Raumstation Mir flog. Faris lebt heute als Flüchtling in Istanbul. Viel direkter ist die Ansprache des Publikums in ‹Let This Be A Warning› des kenyanischen ‹Nest Collective›, welches wissen will, was man denn nun zu tun gedenke, um in ihrer Kolonie willkommen zu sein. Möglich macht die VR-Technologie hier die Umkehr des gängigen Schemas: Wir müssen uns nun plötzlich in einer neuen Welt für unser Dasein rechtfertigen.
Feste gelbe Handläufe leiten durch die von Ina Neddermeyer kuratierte und der ‹Berliner Kooperative für Darstellungspolitik› szenografierte Ausstellung. Da bei mehreren Werken jeweils nur eine VR-Brille bereit liegt, ist man als Besucher zuweilen realer Zuschauer bei den virtuell Sehenden. Es gibt jedoch einen hübschen Screensaver: Durch ein reales Fenster schweift der Blick auf den Hafen und über den Bodensee zum Horizont, der die eigene Welt wieder ins Lot bringt.

Bis: 08.04.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Schöne Neue Welten [11.11.17-08.04.18]
Institutionen Zeppelin Museum [Friedrichshafen/Deutschland]
Autor/in Thomas Schlup
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