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1/2.2018




Paris : Woman House


von: J. Emil Sennewald

  
links: Birgit Jürgenssen · Ich möchte hier raus!, 1976/2006, Schwarzweissfotografie, 40 × 30 cm
rechts: Helena Almeida · Estudo para dois espaços, 1977, Silbergelatinedruck, 39,4 x 27 cm, Sammlung Verbund Collection, Wien © ProLitteris


 Unter #balancetonporc denunzieren derzeit viele Frauen sexuelle Übergriffe. Sie entreissen das Intime dem Machtmissbrauch, tragen es in den privatisierten öffentlichen Raum von Twitter. Noch kein politischer Akt, wird Frau doch unter # - dem Hashtag - im Kommunikationsparadox zwischen Offenlegung und Zurschaustellung eingeklemmt. Erneut drängt die Frage nach öffentlichem, privatem Raum - und wie sich Frauen verorten können. Den Weg aus dem häuslichen Umfeld ins Offene erzählt die Monnaie de Paris mit ‹Woman House›. Inspiriert vom gleichnamigen Performance- und Ausstellungsraum, den Miriam Shapiro und Judy Chicago, Gründerinnen des California Institute of the Arts Feminist Art Program, einen Monat lang im Jahr 1972 in einer leerstehenden Hollywood-Villa betrieben, werden Frauen und Haushalt als Spannungsfeld dargestellt. Das erzeugt Unbehagen. Von ‹Elles› im Centre Pompidou 2009 über Christine Macels Venedig Biennale bis ‹Woman›, aktuell im ZKM: Themenshows mit weiblichem Vorzeichen stellen erneut her, was sie bekämpfen: die allein am Geschlecht orientierte Trennung der Menschheit. Um diese zu verdeutlichen, luden Chicago und Shapiro damals zum kollektiven Projekt ein, schufen mit Spektakel Freiraum, öffneten neue Möglichkeiten, wie es Johanna Demetrakas' Dokumentarfilm gleich zu Beginn der Pariser Ausstellung zeigt. Wie anders nun die Stimmung in der frisch renovierten Monnaie. Die generiert mit Kunst Wert, legte die Goldmünze mit Frankreichs Marianne als «wertvolles Zeichen der Freiheit» auf. Bevor es diese kaufen kann, wird das Publikum durch farbige Säle in die Tiefen weiblicher Verzweiflung geführt. Entdeckung für jene, die sonst kaum Frauen-Schauen frequentieren. Enttäuschung für alle, die Befreiung als Kunst suchen. Wichtige Positionen wie Birgit Jürgenssen, Cindy Sherman, Leticia Parente werden aufs Bügelbrett reduziert. Martha Roslers ‹Semiotics of the kitchen› von 1975 auf Koch- statt Gewaltgesten, Lucy Gunnings ‹Climbing around the room› von 1993 einzig als Haushaltsfluchtwahrnehmbar - ebenso wie Monica Bonvicinis fünf Jahre später geschaffene Performance ‹hammering out›. Ist all das nur im Haushalt bedeutsam? Haben Rachel Whiteread oder Heidi Bucher nicht genauso Raum, Objekt, Materie bearbeitet? Keiner würde Bruce Naumans ‹Bouncing in the corner›, 1968, auf häusliche Enge reduzieren. Woman House erdrückt mit musealer Stillstellung, didaktischer Vereinfachung. Wandtexte beschreiben, was zu sehen ist, instrumentalisieren Kunst zum Anschauungs- statt Aufrüttelungsobjekt. Von guten Absichten gepflastert, führt der Weg zwischen engen Wänden direkt in die Hölle.

Bis: 28.01.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Women House [20.10.17-28.01.18]
Institutionen Hôtel de la Monnaie de Paris [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Link http://monnaiedeparis.fr
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