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1/2.2018




Zürich : Gefeiert und verspottet


von: Brita Polzer

  
links: François-Joseph Heim · Charles X verteilt Preise nach dem Salon von 1824, Musée du Louvre, Paris (Salon von 1827)
rechts: Adolphe Monticelli · Bergweg, um 1872/73, Öl auf Leinwand, 98,5 x 130,5 cm, The Mesdag Collection, Den Haag


Schon von aussen, mit Blick auf den hochgelegenen Bührle-Saal, kündigt sich die Ausstellung an: Üppige Rahmen hängen an den Wänden. Mit mehr oder minder verschnörkelten Cadres wurden im 19. Jahrhundert sämtliche Gemälde versehen, in Frankreich vielleicht auch deshalb, um sich im «Salon» besser durchzusetzen. Denn in diesem damals weltweit wichtigsten Ausstellungsraum - seit 1737 im Salon Carré des Louvre einquartiert - hingen die Bilder derart nah beieinander, dass man denken möchte, es habe eine Art Horror Vacui hinsichtlich leerer Wände geherrscht und mit ihren Rahmen hätten sich die Bilder gegeneinander separieren müssen. Die Ausstellung im Kunsthaus ist der französischen Malerei von 1820 bis 1880 gewidmet. Die Malerei war damals akademisch-klassizistisch und bewegte sich zugleich von Romantik, Realismus und Naturalismus zu Freilichtmalerei und Impressionismus. Delacroix, Corot, Daumier, Millet, Courbet, Manet, Sisley, Monet und Renoir sind die bekannten Namen derer, die neue Richtungen entwickelten, zugleich werden im Kunsthaus Arbeiten von heute unbekannteren gezeigt, die damals jedoch das grössere Ansehen genossen, bspw. Delaroche, Couture, Meissonier, Cabanel oder Gérôme.
Auf einem riesigen, auf die Wand projizierten Gemälde von François-Joseph Heim ist König Charles X zu sehen, wie er 1825, zum Abschluss des Salons, Preise verteilt, umgeben von einer illustren Entourage vor dicht behängten Wänden. Erst zehn Jahre zuvor waren die Gesandten diverser Ländern nach Paris gekommen, um ihre von Napoleon geraubten Kunst- und Kulturschätze zurückzufordern - der Salon, mit Werken aus der nationalen Produktion, scheint diese Blamage wettzu­machen. 1855 kamen knapp 900'000 Besucher/innen, um seine Schätze zu bestaunen, das sind in etwa so viele wie die documenta seit 2012 anlockt. Bis 1880 wurde der Salon, in dessen Rahmen man sich auch an den «peuple als lästige Menge mit strengem Geruch» zu gewöhnen hatte, vom Staat organisiert. Die Ausstellung bietet einen Parcours zu damals gängigen Themen wie «Orientbilder», «Szenen aus dem zeitgenössischen Alltag», «Der erotisierte Körper» oder «Naturdarstellungen». Entdeckt habe ich Adolphe Monticelli (1821-1911), dessen - allerdings nie im Salon gezeigte - pastos und häufig mit dem Palettenmesser gefertigte Bilder aus leuchtenden Matschklümpchen zu bestehen scheinen. Sein ‹Bergweg›, 1872/73, schwappt über die Leinwand hinweg und breitet sich auf dem verschnörkelten Rahmen aus. Die Malerei verweigert die Begrenzungen, sie will nicht länger nur einen Ausschnitt aus der Welt repräsentieren, sie will zugleich sich selbst einbringen. Der zugehörige Katalog enthält Essays von u.a. Oskar Bätschmann, Marianne Koos.

Bis: 28.01.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Französische Malerei 1820 – 1880 [10.11.17-28.01.18]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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