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1/2.2018




Zürich : Michael Wolf


von: Giulia Bernardi

  
links: Michael Wolf · Architecture of Density #120, 2006, C-Print, 152,4 x 121,9 cm, Edition of 9, plus 2 AP; Ed. No. 9/9, Courtesy Christophe Guye Galerie
rechts: Michael Wolf · Tokyo Compression #145, 2010, Archival pigment print on Hahnemuehle art rag paper, 50,8 x 40,6 cm, Edition of 9, plus 2 AP; Ed. No. 4/9, Courtesy Christophe Guye Galerie


«Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn / Fenster beieinander, drängend fassen / Häuser sich so dicht an, dass die Strassen / Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.» So schildert der expressionistische Lyriker Alfred Wolfenstein (1883-1945) in seinem Gedicht ‹Städter› das Leben in der Grossstadt. 1914 geschrieben, stammt das Sonett aus einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der Industrialisierung und Urbanisierung. Städte wuchsen schnell an und technische Entwicklungen wie das Automobil und die Strassenbahn beschleunigten den Alltag. Einerseits übte das Leben in der Stadt eine gewisse Anziehungskraft aus, andererseits wirkten das Bewegungschaos, der Lärm und die getakteten Pendlerströme beklemmend, gar entfremdend.
Und heute, gut hundert Jahre später, scheint das urbane Ökosystem seine groteske Faszination nicht verloren zu haben. Wie es damals Wolfenstein in seiner Grossstadtlyrik getan hatte, hält der deutsche Fotograf Michael Wolf (*1954, München) die Architektur und das Innenleben der Metropolen in seinen grossformatigen Aufnahmen fest. Wolf wuchs in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Europa auf und zog 1994 nach Hongkong, wo er acht Jahre als Auftragsfotograf für das Magazin ‹Stern› arbeitete. In den Siebzigerjahren erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde zu einer aufstrebenden Metropole. Heute ist sie mit 6429 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der am dichtesten besiedelten Städte weltweit. Und dort, zwischen den gedrängten Häusern, fand Wolf Inspiration für sein erstes eigenes Projekt ‹Architecture of Density›, 2003-14. Ein fotografisches Archiv von Fassaden, die meist frontal und ohne Horizontlinien festgehalten wurden. Eine endlose Abstraktion, in der das Auge orientierungslos umherirrt. In späteren Serien beginnt Michael Wolf auch Menschen innerhalb der Megastädte zu porträtieren. ‹Tokyo Compression›, 2010-13, ist eine Sammlung von Silhouetten hinter den angelaufenen Scheiben öffentlicher Verkehrsmittel. Darin gespiegelt grelle Neonlichter. Niemand wagt einen Blick in die Kamera, die Porträtierten wirken abwesend und distanziert. Und so verweilen sie, «Ineinander dicht hineingehakt / Sitzen in den Trams die zwei Fassaden / Leute, ihre nahen Blicke baden / Ineinander, ohne Scheu befragt. / Unsre Wände sind so dünn wie Haut, / Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.»

Bis: 20.01.2018



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Ausgabe 1/2  2018
Ausstellungen Michael Wolf [29.09.17-20.01.18]
Institutionen Christophe Guye Galerie [Zürich/Schweiz]
Autor/in Giulia Bernardi
Künstler/in Michael Wolf
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