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Fokus
9.2017


 Der argentinische Architekt und Künstler Tomás Saraceno arbeitet an visionären Projekten, die wissenschaftliche Forschung und künstlerische Fantasie zusammenbringen: eine Zukunft, in der Menschen im Himmel leben, oder ein poetisches Spinnenkonzert. Das Zürcher Museum Haus Konstruktiv zeigt jetzt seine erste Einzelausstellung in der Schweiz.


Tomás Saraceno - Die Zukunft in den Wolken


von: Philipp Spillmann

  
links: Aerosolar Journeys, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, 2017. Foto: Stefan Altenburger
rechts: Aerosolar Journeys, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, 2017. Foto: Stefan Altenburger


«Anthropozän» nennt man nach dem Meteorologen Paul J. Crutzen das Zeitalter ab etwa 1800, in dem der Mensch zu einem bestimmenden geologischen Faktor geworden ist. Es handelt sich eigentlich um einen Begriff der Erdgeschichte, der abgesteckte Zeitraum deckt sich aber mit jenem dünnen Film Zivilisationsgeschichte, den man Moderne nennt. Zwar veränderten europäische Kolonialisten, arabische Seefahrer und fernöstliche Händler bereits in der Frühen Neuzeit die Biosphäre durch den internationalen Transfer von Kulturpflanzen. Es ist aber erst der moderne Mensch mit seiner industrialisierten Infrastruktur, der das Packeis schmelzen und die Meere versauern lässt. Jede Zukunft, in der diese Infrastruktur dazu beiträgt, solche Wirkungen zu verstärken, einzudämmen oder zu überwinden, gehört zum Anthropozän. Die Frage nach einer nachhaltigen Humanökologie richtet sich deshalb nicht darauf, das Anthropozän zu beenden, sondern es zu transformieren. Einen derartigen Versuch wagt der argentinische Architekt und Künstler Tomás Saraceno mit dem Projekt ­‹Aeroscene›. Im Museum Haus Konstruktiv zeigt er seine Arbeit zusammen mit weiteren Werken aus seinem spekulativ-poetischen Sammelsurium.

Vom Leben im Himmel

Die dreiteilige Schau mit dem Titel ‹Aerosolar Journeys› wird gleich im ersten Raum mit dem Aerozän-Projekt eingeleitet. Am augenfälligsten sind zwei voluminöse, leicht über dem Boden schwebende Ballonkonstruktionen. Ihre glänzende Silberfolie spiegelt die weissen Wände, die Neonröhren und die Kunstwerke, die sich im Raum befinden. Die Ballons sind halbseitig transparent, sodass wir in sie hineinblicken können. Hergestellt wurden sie in Zusammenarbeit mit Forscher/innen des MIT aus einem Material, das sie in hohen Luftschichten schweben lässt, sobald ihr Inneres leicht wärmer als die Umgebung ist. Für Saraceno handelt es sich um Prototypen für die Habitate einer Zukunft, in der sich die Menschen von der Erde verabschiedet haben, um in der Luft zu leben. Ihre Flugkraft soll ohne Solarzellen oder Öl auskommen und ausschliesslich auf physikalischen Effekten basieren. Insofern handelt es sich tatsächlich um Technologien, die keinen Einfluss auf klimatische oder geologische Prozesse haben. Gemacht sind sie für die Anwendung in der Luft. Insofern verwandelt Saraceno den Ausstellungsraum in einen imaginären Luftraum.
Ein fiktiver Höhenraum findet sich auch im ersten Stock des Haus Konstruktiv, allerdings einer, der noch weiter von der Erde wegdriftet. Die Arbeit heisst ‹Arachno-Konzert› und versetzt das Publikum in den interplanetaren Raum eines fast surrealen Universums. In tiefstem Schwarz wartet eine lebende Spinne in einem offenen Kubus aus sechs Metallstangen, die voller Spinnweben sind. Ein Lichtkegel beleuchtet das künstliche Habitat und wirft einen gelblichen Lichtkegel an die dahinterliegende Wand. Am unteren Ende der Vorrichtung sind einige Mikrofone angebracht. Sie zeichnen die feinen Geräusche auf, welche die Spinne mit ihren Bewegungen macht. Ein Lautsprecher transformiert die Geräusche in dumpfe Klänge, die sich mit dem atmosphärischen Sound vermischen, der im Hintergrund abläuft. Fasst man in den Lichtkegel und wirbelt den beleuchteten Staub auf, der durch den Raum schwebt, verändert sich umgehend der Ton und auf der hinteren Wand leuchtet ein Bild auf, das die herumschwirrenden Partikel zeigt, die in Echtzeit gefilmt werden. «Kosmischen Staub» nennt Saraceno das, in Anspielung auf den Sternenstaub, der nach einer Supernova übrigbleibt, und aus dem auch unser Sonnensystem einst geformt wurde. Die Referenz auf den Weltraum setzt sich hinter der Leinwand fort. Von der anderen Seite her sind vereinzelte weisse Punkte auf drei hintereinanderliegende Stoffe projiziert. Sie verschwimmen ineinander, sodass es aussieht, wie ein Nachthimmel, der sich in seiner eigenen, schwammigen Tiefe verliert.
Das Interesse an kosmischen Räumen ist auch im letzten Teil der Ausstellung präsent. Er vereint verschiedene Realisierungen von Netzstrukturen: schwarze, fast haardünne Linien auf weissem Papier und künstliche Spinnenfäden - in einem Glaskubus oder in verflochtenen, dicken Schnüren frei im Ausstellungsraum. Mit ihnen adressiert Saraceno die Feststellung von Astronomen, dass das sichtbare Universum aus grossräumigen Strukturen besteht, die wie feine Geflechte aussehen. ‹Droplets along the strands of a spider's web›, nannte er das 2009, als er Arbeiten des Netzstrukturen-Projekts an der Venedig-Biennale präsentierte.

Im Rausch der Utopie
Die poetische Wahrnehmung Saracenos, die sich in solchen Titeln manifestiert, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Seine Arbeiten leben davon, sich visionären Fantasien hinzugeben: So wird der Ausstellungsraum zum imaginären Universum, der Ballon zum Lebensraum einer fiktiven Zukunft und die feinen Netzfilamente zum kosmischen Spinnennetz. Seine Arbeiten bauen auf solchen Imaginationsleistungen, weil erst durch sie eine ästhetische Erfahrung erzeugt wird, die darüber hinausgeht, Ballone, Spinnen und Linien zu sehen. Nimmt man die Visionen hingegen als Zukunftsentwürfe ernst, entstehen einige Probleme.
Das Aeroscene-Projekt zum Beispiel versteht sich als ernsthafter Versuch für eine nachhaltige Zukunft, als «realisierbare Utopie». Ob es derartige Versprechen einlösen kann, ist allerdings ungewiss, bedenkt man die zahlreichen Fragen, deren Antworten der Künstler schuldig bleibt: Wie sollen die Materialien für die Ballone hergestellt werden, ohne auf Strom angewiesen zu sein? Wem gehören die Luftwelten und welche Freiheitsrechte können in ihrem limitierten Raum überhaupt angewandt werden? Warum sollen in der Luft weniger Konflikte entstehen als auf der Erde? Besteht nicht viel eher ein grosses Risiko, den Raum für Konflikte zu erweitern? Auch in anderen Werken lassen sich ideologische Problemzonen ausmachen: Erhält das Publikum in den imaginären kosmischen Räumen nicht einen fiktiven Gottesstandpunkt, der die Dimensionen des Weltraums verfälscht? Verkommt das Weltall nicht zum Kitsch, wenn es zitiert wird, um herkömmlichen Staub imaginativ aufzuladen?
Vielleicht müsste man hier vor aller Kritik zunächst einmal eine Grundsatzfrage klären: Müssen Utopien ihre Versprechen wirklich einlösen? Oder liegt ihr Gewinn gerade darin, Vision zu sein?
Philipp Spillmann, Kunstkritiker, lebt in Zürich. Zitate: Gespräch mit Tomás Saraceno in Zürich, 31.5.2017. spillmann@artlog.net.
‹Tomás Saraceno - Aerosolar Journeys›, Museum Haus Konstruktiv, Zürich, bis 3.9.

Bis: 03.09.2017


Tomás Saraceno (*1973, Tucaman, Argentinien) lebt in Berlin
2009 International Space Studies Program, NASA Center Ames, Silicon Valley, Kalifornien
2003-2004 Postgraduate in Art and Architecture, Progettazione e Produzione delle Visive, Venedig
2001-2003 Städelschule, Staatliche Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt
1999-2000 Postgraduate in Art and Architecture, Escuela Superior de Bellas Artes de la Nacion Ernesto de la Carcova, Buenos Aires
1992-1999 Architekturstudium, Universidad Nacional de Buenos Aires

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹TomaHow to Entangle the Universe in a Spider Web›, Museo de Arte Moderno, Buenos Aires
2015 ‹Arachnid Orchestra. Jam Session›, NTU Center for Contemporary Art, Singapur
2012 ‹Cloud Cities›, Maison Hermes, Tokyo
2010 ‹14 Billions› Bonniers Konsthall, Stockholm



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Tomas Saraceno [01.06.17-03.09.17]
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Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Tomas Saraceno
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