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Ansichten
9.2017


 Der Besuch von Kunstausstellungen umfasst in aller Regel weit mehr als das Betrachten von Kunst. Das Schauen zielt in die unterschiedlichsten Richtungen und folgt den Reizen künstlerischer Produktionen genauso wie den konstanten Bewegungen anderer Besucher/innen.


Ansichten - Kunst Betrachtungen an der Kochi Muziris Biennale 2016


  
Kochi Biennale 2016 ©Kochi Biennale Foundation


Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen, die - gerahmt von mit kleineren und grös­seren Bildern dicht behängten Wänden - alle in unterschiedlicher Weise die Kunst oder die anderen Kunstbetrachtenden beobachten. In der Mitte des Bildes stehen eine Frau und ein junger Mann, durch ihre Positionierung ganz offensichtlich als zusammengehörig wahrnehmbar. Sie sind einander in einem 90-Grad-Winkel zugewendet, und während die Frau, unterstützt durch Gesten, etwas zu sagen scheint, steht der Mann etwas ungelenk da. Er trägt eine schwarze Augenbinde, deren Sinn nicht offensichtlich wird. Beide Personen haben einen Bändel um den Hals, an dem eine kleine durchsichtige Mappe hängt, die ein Papier enthält. Es ist die Sorte von Umhängsel, mit der etwa an Festivals Mitarbeitende ausgewiesen werden. Sie sorgt dafür, dass das eigentümliche Verhalten dieses Paars als Teil institutioneller Absichten gelesen wird. Hinter ihnen stehen zwei Frauen, die durch ihre Nähe ebenfalls als zusammengehörig identifiziert werden können. Eine der beiden betrachtet das Gebaren des Paars mit verwundertem Gesichtsausdruck. Um besser sehen zu kön­­nen, hat sie ihren Kopf leicht nach vorne geneigt, muss aber trotzdem ihre Augen ganz zur Seite richten, womit ihr Interesse an der ungewöhnlichen Szenerie manifest wird.
Abgerundet wird die wohl unfreiwillig fast in einem Halbkreis stehende Gruppenkonstellation von einem Mann in dynamischer Pose, der gerade dabei ist, ein Foto zu machen und - so viel zu erkennen ist - schräg neben dem eingangs beschriebenen Paar vorbei auf die Kunst an den Wänden zielt. Es ist anzunehmen, dass diese ähnlich aussehen, wie die im Bild gezeigten: nahezu flächendeckend voll mit grösseren und kleineren, gerahmten Zeichnungen.
Das Foto zeigt Besucher/innen an der Kochi Muziris Biennale 2016 und führt die komplexen Konstellationen des Betrachtens vor, die sich in Ausstellungssituationen fast zwangsläufig entfalten. Während die einen die Ausstellung hinsichtlich einer guten Fotografie scannen, wundern sich andere allem voran über die eigentümliche Betrachtungsweise anderer Besucher/innen; diese scheinen genau damit zu experimentieren, wie Bilder und Ausstellungen überhaupt angegangen werden können. Ausstellungen sind also zugleich Bilder ihrer selbst, soziales Kraftfeld und Wahrnehmungslabor, ein lebendiger Mikrokosmos auch jenseits der Kunst.

Rachel Mader ist Kunstwissenschaftlerin; seit 2012 Leiterin Forschungsschwerpunkt «Kunst, Design & ­Öffentlichkeit» an der Hochschule Luzern - Design & Kunst. rachel.mader@hslu.ch



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Ausgabe 9  2017
Autor/in Rachel Mader
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