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Besprechung
9.2017


Alice Henkes :  Allsommerlich verwandelt sich die einstige Abteikirche von Bellelay in einen Kunstraum, in dem barocke Architektur und zeitgenössische Kunst einander begegnen. Heuer bespielen Andres Lutz und Anders Guggisberg die elegante Abbatiale mit einer provokativen Installation


Bellelay : Lutz & Guggisberg - Labyrinth im engelsweissen Raum


  
Lutz & Guggisberg · la grand invasion des peuples et des meubles, 2017©ProLitteris


In der christlich-abendländischen Tradition ist das Labyrinth ein System, das zu Langsamkeit und Reflexion zwingt. Wege schlängeln sich in umständlichen und unübersichtlichen Bahnen, um am Ende nur umso zwingender zu Einsicht und Erkenntnis zu führen. In Kirchenräumen finden sich oft Labyrinthe als Symbole der meditativen Versenkung. Berühmt ist das Bodenmosaik der Kathedrale in Chartres. Lutz & Guggisberg, Andres Lutz (*1968) und Anders Guggisberg (*1966), die in diesem Sommer die Abteikirche von Bellelay bespielen, greifen dies Symbol auf und transformieren es. Das Labyrinth, das sie in den engelsweissen Raum der barocken Kirche setzen, ist nicht Abbild eines kunstvoll mäandernden Pfads, sondern ein betont kunstloses Gewirr von Wänden aus Pressholz und Plastikfolie. In Materialität und Struktur bildet die Installation einen krassen Gegensatz zur barocken Eleganz des Kirchenschiffs. Die aus billigen Werkstoffen zusammengebastelten Wände rufen Bilder von prekären Behelfsbehausungen wach. Die verschachtelte Architektur hat mehr von lustigen Jahrmarkts-Irrgärten als von ruhigen Labyrinthwegen. Das Gewirr der Bretterwände fügt sich nicht freundlich in den Kirchenraum ein, sondern sperrt sich, es wirkt weder dekorativ noch sinnstiftend und provoziert die Frage, was Kunst im Kirchenraum kann und will und soll. Lutz & Guggisberg gelingt es somit, einen bedeutenden Topos kirchlicher Kunst auf irritierende Weise neu zu interpretieren.
Als weitere Elemente haben die beiden Künstler kleine Tonfiguren gefertigt, die in Karawanen durch das Labyrinth zu ziehen scheinen. Die Figürchen sehen wie Tiere aus, allerdings nicht unbedingt wie solche, die man im Biologiebuch findet. Es sind allerlei bizarre Gesellen darunter, so als ob die Schöpfer sich wilden Phantasien hingegeben hätten. Denn natürlich denkt man angesichts dieser miniaturesken Herden in einem ehemals sakralen Raum an die biblische Schöpfungsgeschichte, die hier mit einem Augenzwinkern erzählt wird, das selbstironisch auch den künstlerischen Schöpfungsakt mit einbezieht. Die im Labyrinth verteilten Videos, welche die Hände der beiden Kunstschaffenden beim Formen der Figürchen zeigen, hätte es da nicht mehr gebraucht. Die Videos sprengen mit ihrer technisch glatten Oberfläche das Arte Povera-Flair des Labyrinths, ohne ihm in der Aussage Wesentliches hinzuzufügen. Denn auch ohne diese Making-of-Clips ist deutlich, um was es geht: Die Möglichkeiten, in die Irre zu gehen, sind gross, das Geflecht der Deutungsangebote ist dicht, und die Kunst rettet nicht aus jeder Gefahr.

Bis: 10.09.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Abteikirche: Lutz/Guggisberg [10.06.17-10.09.17]
Institutionen Fondation de l'Abbatiale [Bellelay/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Lutz/Guggisberg
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