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Besprechung
9.2017


Samuel Herzog :  Energie ist das Thema der 13. Triennale für Skulptur der Gegenwart in Bex. Das «Phänomen an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft» wird auf dem charismatische Anwesen der de Szilassy mit viel abstrakt-konstruktiver Plastik vor Augen geführt - zudem durch Wind, Regen, Duft, Hitze oder Kuhglocken


Bex : Bex et Arts - Von Segeln, Löchern, Gräbern und anderem


  
links: Pierre Zaline · Les Ailes de l'espoir, Aluminium, Stahl und Textil.
rechts: Mirko Baselgia · L'origine du monde - marmot burrows, 2017, Ausstellungsansicht Bex & Arts, Erde und Steine. Foto: Stefan Altenburger


Der Charme von Ausstellungen unter freiem Himmel besteht darin, dass die Landschaft nicht nur einen attraktiven Hintergrund für die Kunstwerke abgibt, sondern auch einen Zusammenhang zwischen ihnen stiftet. Denn im Unterschied zu den Räumen eines Museums, die meist eher hinter die Kunstwerke zurücktreten, steht die Landschaft eines Parks oder einer Stadt wenigstens auf einer Höhe, manchmal gar vor den Exponaten. Und nichts schafft bekanntlich mehr Nähe als ein gemeinsamer ‹Gegner›. Der Effekt wird von den diversen Ereignissen noch verstärkt, die den Besuch einer Freiluftausstellung begleiten können. An einem Tag ist es der Wind, an einem anderen Tag der Regen, die Hitze, der Duft von frisch geschnittenem Heu, der Klang von Kuhglocken... Eine Ausstellung unter freiem Himmel ist also grundsätzlich schon eine ziemlich runde Sache. Das gilt insbesondere für ein Anwesen wie die Propriété de Szilassy über Bex, die mit ihrem stark coupierten Terrain, ihren alten Eichen und Kastanienbäumen, ihren Ausblicken auf den Genfersee und die steilen Weinberge der Gemeinde, ihren verwunschenen Pavillons und ihrer wechselvollen Geschichte einen ganz besonderen Campingplatz für die Kunst darstellt. Gegenwärtig findet hier zum 13. Mal die Triennale für zeitgenössische Skulptur statt, die dem Thema «Energie» gewidmet ist - einem «Phänomen an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft», wie Kuratorin Nadia El Beblawi schreibt.
Wen erstaunt es da, dass die Verfechter einer abstrakt-konstruktiven Plastik in der Überzahl sind, rufen gerade sie doch gerne die Energie an - des Materials, der Geste, des Gedankens. Zu ihren typischen Vertretern zählt André Raboud, der unter einer prächtigen Eiche eine Art Stele aufgestellt hat, welche vage an ein aufgerolltes Blatt Papier erinnert, wenig überraschend ‹Lintérieur› heisst und perfekt aus jenem dunklen indischen Marmor geschlagen ist, der im Ursprungsland meist zur Herstellung von Götterstatuen verwendet wird. Es gibts aber auch Werke anderer Art. Pierre Zaline etwa hat mitten auf einer Wiese ein grosses Segel montiert, auf das er mit roter Farbe an die Hundert stark schematisierte Köpfe gemalt hat. Das dreieckige Tuch dreht sich im Wind und ruft natürlich Gedanken an all die Flüchtlinge wach, die in diesen Tagen von den Winden hin- und hergetrieben werden - auf den Ozeanen genauso wie zwischen den Wellen der Politik und der Bürokratie. Der frechste Beitrag stammt von Mirko Baselgia. Er hat ein paar armdicke Löcher in die Erde gebohrt und nennt sie kühn ‹LOrigine du monde›. Gut möglich, dass sich auf dem kleinen Familienfriedhof am Rande des Anwesens der eine oder andere im Grabe umdreht.

Bis: 15.10.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Triennale de sculpture [04.06.17-15.10.17]
Institutionen Fondation Bex & Arts [Bex/Schweiz]
Autor/in Samuel Herzog
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