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Besprechung
9.2017


Alice Henkes :  In ihren grossformatigen Gemälden lässt Rachel Lumsden Landschaften, Stadtansichten und Interieurs in atmosphärisch aufgeladene Szenen mit expressiven Farben entstehen. Die ­umfangreiche Bieler Ausstellung zeigt Werke der letzten zehn Jahre und dass sich die Künstlerin treu geblieben ist.


Biel : Rachel Lumsden - Theaterprobe oder magisches Ritual?


  
Rachel Lumsden · The Elder Flower, 2015, Öl auf Leinwand, 210x170 cm. Foto: Stefan Rohner


Die Szenen, die Rachel Lumsden (*1968) malt, haben etwas Vertrautes. Man kann in diese grossformatigen Bilder gleichsam hineinschlüpfen, wie in ein Kopf-Theater. Zuweilen ganz buchstäblich, wie in ‹Crow Tribe›, 2016. Das Bild zeigt drei Kinder und eine Frau, die sich rund um ein Gitter aufgestellt haben. Die Kinder sind nackt, die Frau trägt ein Hochzeitskleid. Alle halten die Arme seitlich ausgestreckt, als wollten sie die Geste des Flügelschlags simulieren. Die Posen der Figuren werden durch lange Schatten untermalt. Die seltsame Szene könnte ein Kinderspiel sein, eine Theaterprobe oder ein magisches Ritual. Sie wirkt unerklärlich, aber nicht unmöglich oder unrealistisch und liegt somit genau in jenem Spannungsbogen, der charakteristisch ist für Lumsdens Malerei. Die britische Künstlerin, die seit 2002 in der Schweiz lebt, geht in ihren Gemälden von Fotografien aus, von Strassen, Landschaften und Innenräumen, die sich im Lauf des Malprozesses von der Realität der Fotovorlage lösen und eine irritierende, mal grosteke, mal unheimliche Ebene entwickeln. Lumsden erreicht diesen Effekt, indem sie Details verändert, herauslöst oder hinzufügt und expressive Farben einsetzt. In ‹Crow Tribe› ist es der flächige Einsatz der Komplementärfarben Blau und Orange, der eine spannungsvoll aufgeladene Stimmung transportiert. Im Interieurbild mit Liebespärchen ‹Three Balls›, 2017, resultiert die Irritation aus dem Einsatz von Gestaltungselementen, die fehlerhaft wirken. Der mit gemusterten Teppichen und Tapeten ausgestattete Raum wird von drei kugelförmigen Lampen verziert, eine verdeckt die Gesichter des eng beieinander sitzenden Paares, was der Szene die Anmutung einer missglückten Amateurfotografie verleiht. Das Bild gibt Anlass zum Grübeln, denn warum sollte eine begabte Malerin ein schlechtes Foto kopieren wollen? Andere Gemälde erzeugen Spannung durch surreale Elemente oder durch Anspielungen auf Kunstgeschichte und Kino. Wie etwa die beiden Mädchen auf ‹Leap Minute›, 2015, die an das Zwillingspärchen aus Stanley Kubricks Horrorklassiker ‹The Shining› denken lassen.
Die Ausstellung dokumentiert Lumsdens Arbeit in Serien, die Entwicklung ihrer Themen, ihrer Palette, und sie zeigt, dass sich die Künstlerin in ihren grundlegenden Motiven treu geblieben ist. Mit den Mitteln der Figuration und einer ausgeklügelten Farbgebung erschafft sie Bilder, welche die reale Welt erkennen lassen, doch dabei immer spürbar machen, dass auch die banalsten und heitersten Momente nie so harmlos und eindimensional sind, wie man manchmal glauben möchte.

Bis: 03.09.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Marie-José Burki, Rachel Lumsden [02.07.17-03.09.17]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Rachel Lumsden
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