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Besprechung
9.2017


Niklaus Oberholzer :  Lange blieb Franz Wanner dem Ausstellungsbetrieb fern. Nun meldet er sich zurück mit ‹Giornate›, zehn grossen Malereien, in denen er Bezug nimmt auf bedeutende Werke der Kunst­geschichte. «Giornata» ist das Tagwerk, das ein Freskomaler in einem Tag bewältigen kann, ohne dass Putz eintrocknet


Luzern : Franz Wanner - Giornate


  
Franz Wanner · VI (aus den ‹Giornate›), Ocker, Schiefermehl und Acryl auf Leinwand, 280x180 cm


Die Malereien haben etwas Raffiniertes: Franz Wanner (*1956) malte mit grosser Geste auf rund drei Meter breite Leinwände, die er mit verschiedenen, mit ­Acryl abgebundenen farbigen Pigmenten (Caput Mortuum oder Malachit zum Beispiel) grundierte, zum Teil durchsetzt mit zauberhaft glitzerndem Marmorstaub. Zu sehen sind skizzenhaft in diesen Malgrund hineingeworfene Erinnerungen an Kunstwerke - beispielsweise an die Venus von Velasquez, an Manets ‹Déjeuner sur l'herbe› oder an Raimondis merkwürdiges Raffael-Porträt. Merkwürdig darum, weil der Kupferstich Raffael ohne Hände zeigt. Die hat der finster blickende Maler im Mantel versteckt, als traue er ihnen nicht. Was tut der Maler ohne Hände? Er kann nicht malen. Muss er überhaupt malen? Es ist, als wollte Wanner mit den Hinweisen auf diesen armlosen Raffael sagen: Kunst findet im Kopf statt. Handwerk, auch meisterhaftes, ist bloss Ausführung und noch keinerlei Legitimation. Und dass Wanner skizzenhaft bleibt und die Bildinhalte - darunter auch so Delikates wie Giulio Romanos ‹Erotica› oder Goyas damals skandalträchtige ‹La maja desnuda› - mehr andeutet als ausformuliert, mag bedeuten, dass das Leichtfüssige genügt: An uns liegt es, zu bestimmen, wie das alles im Kopf Gestalt und Sinn annimmt. Die Bildmotive selbst sind Dauerbrenner der Kunstgeschichte. Da ist aber nicht aus Zufall nichts Neues. Wanner könnte damit sagen wollen: Alles ist gemalt, Kunst ist häufig nur Nachvollzug oder bestenfalls Weiterführung. Da zwangsläufig an bereits Gesehenes erinnert, was der Maler heute tut, malt Wanner gleich deutlich und für jeden erkennbar, was er und wir anderen tatsächlich bereits gesehen haben.
In ‹Giornate› geht es dem in Walenstadtberg lebenden Künstler nicht um die einzelne Leinwand, sondern um Grundsätzliches: Er verstrickt uns in einen vielschichtig sich verästelnden und natürlich keineswegs widerspruchsfreien Diskurs und überzieht uns mit einem ganzen Netz von Fragen über das, was er unter Kunst versteht. Nicht dass es die Kunst nicht (mehr) geben würde. Doch sie bleibt die grosse und zeitunabhängige Ausnahme. Wenn sie sich ereignet, ist sie stets Gegenwart - ob die 30'000 Jahre alte Venus von Willendorf oder Barnett Newmans Gemälde ‹Cathedra› im Stedelijk Amsterdam. Das war sogar so lebendig, dass Gerard Jan van B. das Werk am 21. November 1997 mit einem Messer ermordete. Kunst ist, so höre ich aus Franz Wanners Sätzen heraus, wenn überhaupt, ausschliesslich möglich als Bekenntnis zu diesem Jahrtausende übergreifenden Kontext.

Bis: 09.09.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Franz Wanner [02.09.17-09.09.17]
Institutionen Galleria Edizioni Periferia [Luzern/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Franz Wanner
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